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nä 04/2018
aktualisiert am: 16.04.2018

 

  Editorial

Scharlatanerie


 

Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,

der Begriff "Placebo" bezeichnet bekanntermaßen ein unwirksames Scheinmedikament. Es wird Patienten verabreicht, um sicherzugehen, dass nicht der bloße Glaube an die Wirksamkeit einer Substanz eine Besserung des Zustandes herbeiführt. Keine seriöse pharmazeutische Versuchsreihe kommt ohne Placebo-Versuchsgruppe aus.

Die unseriöse Variante dieses Prinzips zeigt uns die Politik. Allen Ernstes beabsichtigen die Koalitionspolitiker, als Heilmittel gegen angeblich zu lange Wartezeiten auf Arzttermine die Mindestöffnungszeiten für Praxen von 20 auf 25 Wochenstunden heraufzusetzen.

Man stelle sich vor, ein Bildungspolitiker wollte verbeamteten Lehrern fünf Wochenstunden mehr Unterricht verordnen, um den Unterrichtsausfall an unseren Schulen zu stoppen. Ein Sturm der Entrüstung würde Gedankenspiele dieser Art hinwegfegen. Aber widerspruchslos dürfen Politiker die Ärzteschaft zur Zielscheibe solcher Zwangsmaßnahmen machen.

Wissen es Spahn, Lauterbach, Laumann und Co. nicht besser? Ein kurzer Blick in irgendeine KV-Arztauskunft hätte ihnen gezeigt, dass die meisten Ärzte schon jetzt weit mehr als die geforderten 25 Wochenstunden praktizieren. Dass es also Unsinn ist, was sie da beschließen. Nein, ein anderer Verdacht drängt sich auf: In voller Kenntnis der Unsinnigkeit dessen, was sie da tun, haben Sie diesen Handel abgemacht.

Das ist Placebopolitik - eine Ersatzhandlung, weil unsere Politiker weder den Mut noch die Kraft zu den eigentlich notwendigen Reformen aufbringen. Weil der Konsens nicht ausreicht, um ein Ende der Budgetierung durchzusetzen, das allein noch brachliegende Kapazitäten in der ambulanten Versorgung aktivieren könnte.

Es ist ein Affront gegenüber den Ärzten und ein Betrug an den Wählern. Die Ärzte werden zu Sündenböcken gestempelt, um vom Systemversagen abzulenken - in der Hoffnung, dass die Wähler an die Wirksamkeit dieser Zuckerpille schon glauben werden. Die Realität wird sie schnell einholen. Mit Scheintherapien ist den Gebrechen unseres Gesundheitswesens nicht beizukommen.

Herzlichst Ihre

Mark Barjenbruch
Vorstandsvorsitzender der KVN

Dr. Jörg Berling
Stellv. Vorstandsvorsitzender der KVN

Verfasser/in:
Mark Barjenbruch
Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen
Berliner Allee 22, 30175 Hannover

Dr. med. Jörg Berling
Stellvertr. Vorstandsvorsitzender der KVN
Berliner Allee 22, 30175 Hannover



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