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aktualisiert am: 15.11.2017

 

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„Ein Fest der Allgemeinmedizin“

Erster Oldenburger „Tag der Allgemeinmedizin“ bot am Vorabend Workshops, Informationen – und versuchte, Antworten auf die drängendsten Fragen der Hausärzte in der heutigen Zeit zu finden


 

Rund 250 Ärzte, Medizinische Fachangestellte und Studierende haben am 21. Oktober am ersten Oldenburger "Tag der Allgemeinmedizin" an der Universität Oldenburg teilgenommen. Das in anderen Universitätsstädten bereits etablierte Fortbildungsformat hatte der Allgemeinmediziner und Versorgungsforscher Prof. Dr. Michael Freitag für die Fakultät VI - Medizin und Gesundheitswissenschaften - ins Leben gerufen. Zum Auftakt am Freitagabend, den 20. Oktober, stand ein öffentliches Symposium im Ehemaligen Landtag (Tappenbeckstraße 1) auf dem Programm. Thema: "Allgemeinmedizin und hausärztliche Versorgung im Nordwesten".

Wir sind die Zehnkämpfer der Medizin, so Dr. Jörg Berling in seinem Impulsvortrag während des Abendsymposiums zum Auftakt der Veranstaltung. Ein Bild, das Prof. Thomas Kühlein, Direktor des Allgemeinmedizinischen Instituts an der Uniklinik Erlangen, später ergänzte. Für ihn sind Hausärzte nicht nur Zehnkämpfer, sondern auch jene, die jenseits aller Hightech-Medizin den ganzen Menschen in den Blick nehmen. Aber sie sind auch eine Spezies, an der bald Mangel zu herrschen droht. KVN-Vize Berling umriss die Niederlassungssituation bei den Hausärzten in Niedersachsen. Ohne entschiedenes Gegensteuern, so seine Kernaussage, könnte um 2030 in vielen Regionen Niedersachsens Unterversorgung im hausärztlichen Bereich bestehen. Er forderte u. a. eine abgestimmte Krankenhausplanung und ambulante Bedarfsplanung, eine Reform der Vergabe von Medizinstudienplätzen, eine weitere Stärkung der Allgemeinmedizin an den Universitäten, aber auch Strukturverbesserungen auf dem Land, etwa den Ausbau des öffentlichen Personen-Nahverkehrs und der Breitbandverbindungen. Wichtig sei zudem ein Existenzgründerprogramm für junge Mediziner, um ihnen den Einstieg in den Beruf zu erleichtern. Berling ging bis 2030 von einem weiteren Anstieg der Spezialisierung, der Digitalisierung und der Anstellungsverhältnisse in der Medizin aus. Die Wege für die Patienten zum Arzt würden länger.

In der Podiumsdiskussion unterstrich Prof. Dr. Hans Gerd Nothwang, kommissarischer Dekan der Fakultät Medizin und Gesundheitswissenschaften, die wichtige Rolle der European Medical School bei der medizinischen Versorgung im Nordwesten. Er wünschte sich ein klares Bekenntnis zu Deutschlands jüngster Medizinfakultät. Davon legten auch die zahlreichen Lehrärzte und -praxen, die die Fakultät im Nordwesten Deutschlands gefunden hat, lebhaftes Zeugnis ab. Die Berliner Studentin Tabea Schmidt-Ott betonte, sie hätte sich gerade wegen des hohen Praxisanteils in Lehrpraxen, aber auch wegen des grenzübergreifenden Konzepts mit Universität Groningen bewusst für ein Medizinstudium in Oldenburg entschieden. Dr. Lukas Bockelmann (Timmel) beschrieb aus seinen Einsatz als Lehrarzt als Bereicherung für die eigene hausärztliche Tätigkeit. Für Maren Harms. stv. Vorsitzende der Landfrauenverbands Weser-Ems, zählt eine funktionierende hausärztliche Versorgung zu den wichtigen Standortfaktoren - eine Auffassung, die auch Ammerlands Landrat Jörg Bensberg in seiner Funktion als Metropolregions-Vorsitzender vertrat. Mareike Grebe, Hausärztin aus Hesel, schilderte die Herausforderungen, vor denen der ärztliche Nachwuchs steht, wenn er sich künftig "in der Fläche" niederlassen will. Vor allem der ab 2030 prognostizierte Ärztemangel hängt geradezu wie ein Damoklesschwert über den Verantwortlichen. Ärztekammer-Vorstand Jens Wagenknecht erhob daher gleichsam stellvertretend für die Selbstverwaltungsorganisationen die Forderung nach mehr Studienplätzen.

Mit dem "Tag der Allgemeinmedizin" will Prof. Freitag ein neues Fortbildungsformat im Nordwesten etablieren. Für ihn ist es immer noch etwas Besonderes und Neues, dass das Fach Allgemeinmedizin an der Uni angekommen ist. Der "Tag der Allgemeinmedizin" gibt die Gelegenheit, die Hausärzte aus der weiteren Umgebung an die Uni zu holen und ihnen ein maßgeschneidertes Programm für eine konzentrierte Fortbildung anzubieten. Mit wissenschaftlichem Anspruch, gleichzeitig pharmaunabhängig und persönlich.

Das Besondere waren die parallelen Workshops, die eine gute Interaktion zwischen Referenten und Teilnehmern gewährleisteten. Arztpraxen konnten mit dem gesamten Team teilnehmen, die Beiträge richteten sich sowohl an Ärztinnen und Ärzte als auch an Medizinische Fachangestellte. Natürlich diente die Veranstaltung auch der Vernetzung der Teilnehmer untereinander. Er war geradezu als "Fest der Allgemeinmedizin" gedacht, um so notwendiger, so Prof. Freitag, da das Fach "sonst nicht so im Rampenlicht steht". Für die Premiere standen als besondere Highlights noch ein Festvortrag aus dem Deutschen Institut für Humor im Programm und auch ein musikalischer Beitrag. Und um die Dinge in Bewegung zu halten, fand abschließend am Sonntag der "Lauf der Allgemeinmedizin" im Rahmen des Oldenburg Marathons statt.
n KVN

Fragen an Prof. Dr. Michael Freitag,
Allgemeinmediziner und Versorgungsforscher an der Fakultät VI - Medizin und Gesundheitswissenschaften der European Medical School (EMS) in Oldenburg

Herr Prof. Freitag, an der Medizinischen Fakultät der Uni Oldenburg bilden rund 120 Hausärztinnen und Hausärzte Studierende in deren Praxisphasen ehrenamtlich aus - mit welcher Motivation?
Freitag: Auf unser Lehrärztenetz sind wir stolz. Die Studierenden haben schon ab dem 1. Semester einwöchige Hospitationen in den Lehrpraxen der Nordwestregion. Die Lehrärzte wiederum freuen sich über den Austausch mit der Universität und dem ärztlichen Nachwuchs. Sie geben ihre Begeisterung für ihr Fachgebiet gerne an die Studierenden weiter - und werben so natürlich dafür. Und sie freuen sich über die Möglichkeit, die Ausbildung der zukünftigen Ärztegeneration praxisnäher zu gestalten als sie es in ihrem eigenen Studium erfahren haben. Natürlich bringen die Studierenden auch eine gewisse Abwechslung und frischen Wind in die Praxen.

Was sind die drängendsten Fragen, die Hausärzte der Region in der heutigen Zeit beschäftigen?
Freitag: Da gibt es eine ganze Reihe: Wie kann es gelingen, den zunehmenden Patientenzahlen, zunehmenden medizinischen Möglichkeiten und Ansprüchen gerecht zu werden? Wie kann ich mich mit angemessenem Aufwand fachlich und organisatorisch auf dem Laufenden halten? Wie überblicke ich den Dschungel an Regularien, Verträgen und sonstigen Formalitäten? Und was ist bei den zunehmenden Möglichkeiten in Diagnostik und Therapie notwendig, überflüssig oder gar schädlich?

Die Hausärzte nehmen auch an Fort- und Weiterbildungen der Oldenburger Universitätsmedizin teil. Welche Themen sind besonders gefragt?
Freitag: Zunächst einmal bieten wir Schulungen für unsere Lehrärzte an, um sie auf die Hospitationen der Studierenden vorzubereiten. Jede Hospitation hat ein spezifisches Thema und ein begleitendes Logbuch. Darüber hinaus beginnen wir, Seminarangebote für Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung anzubieten. Da geht es vor allem um Themen, die für die Hausarztpraxis spezifisch sind - zum Beispiel knifflige Beratungsanlässe in der Praxis. Es gibt bereits sehr gute Erfahrungen an anderen Unistandorten. Ich bin zuversichtlich, dass der Tag der Allgemeinmedizin auch in Oldenburg zu einer festen Größe wird.

Verfasser/in:

KVN




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