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aktualisiert am: 15.11.2017

 

  Politik & Verbände

Politische Weichenstellungen gefragt

Der stellv. KVN-Vorstandsvorsitzende Dr. Jörg Berling zu den Forderungen nach mehr Studienplätzen und einer Landarztquote


 


Herr Dr. Berling, der Niedersächsische Städte- und Gemeindebund (NSGB) und die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) wollen 30 Prozent mehr Medizinstudienplätze und die umgehende Einführung der Landarztquote. Ist das jetzt Versorgungsplanung mit der Brechstange?
Berling: In den nächsten Jahren werden rund 1.000 Hausärzte in Niedersachsen in den Ruhestand gehen. Im Moment zeichnet sich nicht ab, dass wir dafür in ausreichendem Maße Nachfolger bekommen. Da genügt es nicht, zu kleckern. Wir müssen klotzen. Und zwar jetzt. Es dauert etwa 12 Jahre, bis neu ausgebildete Hausärztinnen und Hausärzte für die medizinische Versorgung zur Verfügung stehen werden. Wir haben also keine Zeit zu verlieren.

Es werden doch nach wie vor ganze Jahrgänge von Ärzten an den Universitäten ausgebildet. Warum kommen die denn nicht wie früher bei den Patienten an?
Berling: Sie kommen schon bei den Patienten an, aber nicht unbedingt als Hausärzte, die vielleicht am dringendsten gebraucht werden. Ein Grund dafür liegt sicher darin, dass das Fach Allgemeinmedizin in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt worden ist. Erst in den letzten Jahren wurden an vielen Universitäten Lehrstühle für Allgemeinmedizin eingerichtet. Jetzt belebt sich das Interesse an der Hausarztmedizin wieder. Diesen Trend brauchen wir, und wir wollen ihn mit einer Ausweitung der Studienkapazitäten unterstützen.

Aber ist eine Aufstockung der Studienplätze um gleich ein Drittel nicht zu hoch gegriffen?
Berling: Tatsache ist: Junge Ärzte und vor allem Ärztinnen suchen vermehrt Teilzeitbeschäftigungen in Anstellungsverhältnissen. Dadurch erreichen sie aber nur noch 70 Prozent des Versorgungsumfanges, den heute aktive niedergelassene Ärzte erbringen. Wir brauchen also ein Drittel mehr Ärzte und entsprechend mehr Studienplätze. Dann macht es auch Sinn, ein größeres Kontingent davon für diejenigen zu reservieren, die gezielt eine Hausarzttätigkeit auf dem Lande anstreben.

Aus der Politik wird Ihnen der Einwand entgegenschallen, das sei unrealistisch, weil unfinanzierbar ...
Berling: Wo ist denn die Alternative? In der Vergangenheit wurden Studienplätze abgebaut. Die 600 Plätze, die in Niedersachsen pro Semester noch zur Verfügung stehen, reichen nicht mehr. Und medizinische Versorgung kostet Geld! Wenn wir es nicht in die Universitäten stecken, dann in den Ausbau von Transportkapazitäten und in die aufwändige Behandlung von Erkrankungen, die bei besserer Versorgung vor Ort im Anfangsstadium hätten eingedämmt werden können. 200 Medizinstudenten pro Semester mehr sind nötig, wenn ein Teil davon um 2030 als Hausärzte bei den Patienten ankommen soll.

Die KVN hat doch eine ganze Palette von Anwerbe- und Förderungsmaßnahmen entwickelt. Alles umsonst?
Berling: Keineswegs! Unsere Maßnahmen haben Unterversorgung bislang verhindert. Aber in einigen Jahren werden sie die massiv auftretenden Lücken nicht mehr schließen können. Jetzt sind politische Weichenstellungen gefragt, die wir als KV nicht vornehmen können.

Verfasser/in:

KVN




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