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aktualisiert am: 15.11.2017

 

  Arzneimittel & Veror

ADHS-Medikation bei anamnestischer Herzrhythmusstörung?

Interdisziplinäre Nutzen-Risiko-Abwägung durch Kinderpsychiater, Kinderkardiologin und klinische Pharmakologen ist erforderlich


 


Anfrage an ATIS
Herr Dr. J., Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Psychiatrie, betreut einen siebenjährigen Jungen mit Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität, expressiver Sprachstörung und umschriebener Entwicklungsstörung der fein- und Graphomotorik. Anamnestisch Harninkontinenz und supraventrikuläre tachykarde Herzrhythmusstörung. Die Herzrhythmusstörung wurde seinerzeit mit Propafenon und Metoprolol behandelt; seit Ende des zweiten Lebensjahres ist der Junge asymptomatisch. Reguläre kinderkardiologische Kontrollen, inkl. Langzeit-EKG, zeigten bislang keine Auffälligkeiten. Wegen der Aufmerksamkeitsstörung möchte der Kollege eine Behandlung mit Methylphenidat oder in zweiter Wahl mit Lisdexamphetamin, Atomoxetin oder Guanfacin beginnen. Da diese Substanzen arrhythmogen wirken können, bat der Kollege um eine klinisch-pharmakologische Risiko-Einschätzung der geplanten Medikation.


Antwort von ATIS
Für Methylphenidat, Lisdexamphetamin, Atomoxetin und Guanfacin bestehen haftungsrechtlich relevante Warnhinweise bzw. Kontraindikationen in den Fachinformationen bei diversen Herz-Kreislauferkrankungen bzw. schwerwiegenden Herzrhythmusstörungen. Die im vorliegenden Fall Jahre zurückliegende supraventrikuläre Tachykardie ist keine Kontraindikation, aber ein Risikofaktor, der eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung zusammen mit dem anfragenden Kollegen und der behandelnden Kinderkardiologin erfordert.
Das Risiko wurde mit der Kinderkardiologin diskutiert, deren Einschätzung maßgebend ist. Obwohl das Rezidiv-Risiko für supraventrikuläre Tachykardien bei jahrelanger Rezidiv-Freiheit niedrig ist und mit fortschreitendem Lebensalter weiter sinkt, kann ein Rest-Risiko nicht ausgeschlossen werden. Eine Kanalopathie, welche eine Kontraindikation für Methylphenidat und Atomoxetin darstellen würde, besteht bei dem Kind nicht.

Durch die sympathomimetischen Wirkungen von Methylphenidat, Lisdexamphetamin und Atomoxetin werden tachykarde Herzrhythmusstörungen begünstigt, während Guanfacin häufiger eine Bradykardie hervorrufen kann. Aus klinisch-pharmakologischer Sicht wäre Guanfacin daher den o.g. Medikamenten vorzuziehen, wenn seine klinische Effektivität den anderen Substanzen überlegen wäre. Nach der kinderpsychiatrischen Bewertung des behandelnden Kollegen ist dies jedoch nicht der Fall. Bezüglich der Wirksamkeit wäre Methylphenidat Mittel der ersten Wahl; der Nutzen einer medikamentösen Therapie für das Kind wird als sehr hoch eingeschätzt.

Empfehlungen

Bei adäquatem Therapiemonitoring (engmaschige EKG- und Blutdruck-Kontrollen sowie Langzeit-EKG im steady state) unter Einbeziehung der behandelnden Kinderkardiologin ist Methylphenidat akzeptabel. Die Eltern des Kindes sollten in die Therapieentscheidung mit einbezogen und ausführlich und dokumentiert aufgeklärt werden.

Verfasser/in:
Dr. med. Kristine Chobanyan-Jürgens
Institut für Klinische Pharmakologie, Medizinische Hochschule Hannover


PD Dr. med. Dirk O. Stichtenoth
Institut für Klinische Pharmakologie, Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover



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Literatur


1. Fachinformation; Fachinfo CD, BPI Service GmbH 2017
2. Hammerness PG, Wilens TE, Berul CI, Elkort MS. Supraventricular tachycardia in an adolescent with attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD). J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 2008; 47: 219-20
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6. Martinez-Raga J, Knecht C, Szerman N, Martinez MI. Risk of serious cardiovascular problems with medications for attention-deficit hyperactivity disorder. CNS Drugs 2013; 27: 15-30
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Alle Anfragen zur Arzneimitteltherapie können auf folgendem Wege an ATIS gestellt werden: Vorzugsweise per Fax: 0511 380-1003462. Telefon: 0511 380-3222. Postanschrift: KV Niedersachsen, z.H. Frau Dr. Friederike Laidig, Berliner Allee 22, 30175 Hannover. Die ATIS-Homepage mit elektronischem Anfrageformular ist im KVN-Mitgliederportal unter Verordnungen > Arzneimittel > therapeutische Informationen zu finden. Wir bitten aus organisatorischen Gründen, Anfragen an die genannte KVN-Adresse zu richten. Ihre Anfrage wird dann entweder dort direkt beantwortet oder an das Institut für Klinische Pharmakologie der MHH weitergeleitet.


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