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nä 09/2017
aktualisiert am: 15.09.2017

 

  Arzneimittel & Veror

Mehr als nur Information

Seit über 20 Jahren setzt sich ATIS mit Anfragen zur Arzneimitteltherapie auseinander. Die Klinische Pharmakologie der MHH und die KVN geben nicht nur Empfehlungen – sie können auch schlichtend eingreifen


 


nä: Herr Prof. Stichtenoth, Fr. Dr. Laidig, mittlerweile kann die Arzneimitteltherapie-Beratungsstelle "ATIS" auf eine mehr als zwanzigjährige Tradition zurückblicken. Welcher Gedanke lag ATIS ursprünglich einmal zu Grunde?

Prof. Stichtenoth: Das offizielle Gründungsdatum von ATIS liegt im Jahr 1994. Die Medizinische Hochschule Hannover und die KVN hatten gemeinsam den Gedanken, die fachärztliche Expertise der Klinischen Pharmakologie der MHH auch den niedergelassenen Ärzten im Rahmen eines Konsiliardienstes zugänglich zu machen. Mit ATIS wurde zugleich eine nachhaltige qualitätssichernde Maßnahme der KVN im Bereich der Pharmakotherapie geschaffen. Damit hat die KVN sicher ein Alleinstellungsmerkmal.

nä: Und wie arbeiten beide Institutionen dabei konkret zusammen?

Dr. Laidig: Alle Anfragen, die an ATIS gerichtet werden, kommen zunächst bei der KVN an. Pharmazeutische Fragestellungen beantworten wir dann direkt hier im Hause - etwa Fragen zur Darreichungsform wie beispielsweise zur Mörserbarkeit. Sind die Fragestellungen umfangreicher und reichen sie in den ärztlichen Bereich, leiten wir sie an die MHH weiter. Das betrifft etwa 90 Prozent der Anfragen.

nä: Haben sich die Themen im Laufe der Zeit gewandelt?

Prof. Stichtenoth: Früher betrafen 60 Prozent der Fragen das Thema Medikation in der Schwangerschaft, heute sind dies 40 Prozent. Stark zugenommen haben Fragen zu Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten.

nä: Auf diesem Gebiet hat ja die Sensibilisierung deutlich zugenommen, wie auch die Einführung des bundeseinheitlichen Medikationsplanes zeigt ...

Prof. Stichtenoth: Mittlerweile werden uns Medikationspläne mit Bitte um Begutachtung geschickt. Daran knüpfen sich ärztliche Fragen zur individuellen Optimierung einer Polymedikation, die wir mit unserer klinisch-pharmakologischen Expertise beantworten können. Wir beobachten, dass die vermehrte Aufmerksamkeit, die der Arzneimitteltherapie gewidmet wird, mitunter zu Konfliktsituationen in den Arztpraxen führt - Patienten haben sich etwa an bestimmte Medikamente gewöhnt oder fordern in den Laienmedien angepriesene "Wundermittel". In solchen Fällen holen Ärzte zunehmend unsere Zweitmeinung ein. Als universitäre Einrichtung haben wir die Autorität, eine ärztliche Aussage zu bestätigen.

nä: Und was ist, wenn die Meinung des Arztes gegen die des Apothekers steht? Oder die eines anderen Kollegen?

Prof. Stichtenoth: Wir geraten bei interdisziplinären Fragestellungen manchmal in schwierige Konfliktfelder. Hier muss man dann gemeinsam die bestehenden Optionen gegeneinander abwägen.

nä: Gemeinsam? Holen Sie die Beteiligten an einen Tisch?

Prof. Stichtenoth: Wir rufen zurück, ja. Umso eher, je komplexer die Verordnungslage ist. Oft sind Rückfragen notwendig, um eine individuelle Fallkonstellation genauer zu erfassen. Und wir können konsiliarische Besprechungen ab­halten, um etwa zwischen Ärzten verschiedener Fachrichtungen eine gemeinsame Vorgehensweise abzustimmen.

nä: In den letzten Jahren ist es zur Einführung ganz neuer Medikamentenklassen gekommen, beispielsweise der Biologicals und deren Biosimilars. Erreichen Sie auch dazu Anfragen? Oder zu den Kosten, die ihr Einsatz mit sich bringt?

Prof. Stichtenoth: Ja, aber nur selten - zum Beispiel zu oralen Antikoagulantien. Was den Kosten-Nutzen-Aspekt angeht, muss man auch klar sagen: Wir sind kein Mini-IQWIG.

Dr. Laidig: Die Ergebnisse der Bewertungen, die dort und beim Gemeinsamen Bundesausschuss zu den Kostenaspekten durchgeführt werden, sind veröffentlicht und jedem zugänglich. Andere Fragen zur Wirtschaftlichkeit in der Arzneimitteltherapie leiten wir an die KVN-Bezirksstellen weiter.

Prof. Stichtenoth: ... ohne diesen Aspekt auszuklammern. Unsere Konsile zielen darauf ab, eine bestehende oder geplante medikamentöse Therapie zu beurteilen und nach den Kriterien Wirksamkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit zu optimieren.

nä: Wo liegen denn die Grenzen von ATIS?

Prof. Stichtenoth: Wir geben keine Stellungnahmen zu allgemeinen Fragen ab und erstellen auch keine Leitlinien.

Dr. Laidig: Und auch zu toxikologischen und mikrobiologischen Fragen und zur Strahlenexposition geben wir keine Auskunft. Uns geht es darum, einzelfallbezogen die Medikation für einen Patienten durch klare Handlungsanweisungen zu verbessern.

nä: ... sofern Ihre Datenlage das hergibt...

Prof. Stichtenoth: Nicht unbedingt. Auch wenn keine Daten vorliegen oder wenn sie widersprüchlich sind, können wir Empfehlungen abgeben. Oft können es Ausschlusskriterien sein, die wir nennen. Aber natürlich liegt unsere Stärke darin, vorliegende Daten zu bewerten und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten. Was auch vorkommt, ist, dass wir Fachinformationen interpretieren und Begrifflichkeiten klären.

nä: Wie sieht denn dann die ideale Anfrage an ATIS aus?

Prof. Stichtenoth: Wir brauchen nicht viel - nur die Fragestellung mit dem Arztstempel, Basisdaten zum Patienten, Medikations- und Diagnosenliste. Den Namen des Patienten oder eine Versichertennummer brauchen wir nicht; auch aus Gründen der Schweigepflicht raten wir zur Datensparsamkeit. Wenn wir für die Fallbeurteilung weitere Informationen benötigen, rufen wir zurück. Aber ganz wichtig ist uns, dass die Anfrage schriftlich vorliegt. Eine Hotline sind wir nicht. Meist ist der Fall zu komplex, um auf die Schnelle eine Telefonauskunft zu geben.

Mit Prof. Stichtenoth und Fr. Dr. Laidig sprach Dr. Uwe Köster


Verfasser/in:
Dr. Uwe Köster
Pressestelle der KVN
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