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nä 09/2017
aktualisiert am: 15.09.2017

 

  Arzneimittel & Veror

Methadon zur Krebstherapie?

Von einem Heilversuch wird abgeraten


 

Anfragen an Atis
Der Einsatz von Methadon zur antineoplastischen Therapie war wiederholt Gegenstand von ATIS-Konsilen. Zuletzt haben uns folgende Anfragen erreicht:
Frau Dr. P., Fachärztin für Innere Medizin, fragt: "In der Laienpresse wurde über den erfolgreichen Einsatz von Methadon in der Krebstherapie berichtet. Haben Sie Informationen über die antineoplastischen Eigenschaften von Methadon? Ist eine Kombination mit den Chemotherapeutika meines Patienten (Magen- und Peritonealkarzinom) möglich?"
Frau Dr. C., Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, fragt: "54-jährige Patientin mit metastasierendem Mamma-Karzinom, Angst und depressiver Störung. Die Patientin möchte Methadon nehmen. Interagiert Methadon mit Lamotrigin und Escitalopram?"

Antwort von Atis
In vitro zeigte DL-Methadon antineoplastische Effekte durch Aktivierung von Opioidrezeptoren auf Glioblastomzellen, Glioblastomstammzellen und verschiedenen Leukämie-Zelllinien (1, 2). In Kombination mit Doxorubicin konnte eine verstärkte Aufnahme von Doxorubicin in die Tumorzellen, eine Hemmung des Effluxes aus den malignen Zellen und eine Steigerung der Doxorubicin-induzierten Apoptose nachgewiesen werden (1, 2). Aussagekräftige klinische Daten zu antineoplastischen Wirkungen von Methadon bei Glioblastom oder anderen Malignomen existieren bislang nicht.
Methadon besitzt ein hohes Schadenspotential. Außer den Opioid-typischen Nebenwirkungen sind die Verlängerung des QT-Intervalls mit ventrikulären Arrhythmien und die Auslösung eines Serotonin-Syndroms möglich (3, 4). Gefährliche Wechselwirkungen bestehen mit Inhibitoren/Induktoren von Cytochrom P450 3A4 und Medikamenten, welche die QTc-Zeit verlängern oder die Serotoninkonzentration erhöhen (3, 4). Die beiden letzteren pharmakodynamischen Interaktionen bestehen z.B. mit dem in der zweiten Anfrage genannten Escitalopram. Die Verordnung von Methadon in der Schmerztherapie oder zur Substitutionsbehandlung bei Opioidabhängigkeit setzt daher besondere Bedingungen voraus, bedarf einer speziellen ärztlichen Expertise und einer sehr sorgfältigen Therapieüberwachung (3-5).

Empfehlung

Bei derzeit nicht einmal ansatzweise möglicher Aussage über einen etwaigen Nutzen in der antineoplastischen Therapie und erheblichen Risiken raten wir dringend von einem Heilversuch mit Methadon bei Magen- bzw. Mammakarzinom wie auch anderen Malignomen ab.

Diskussion

Gleichermaßen eindeutig abratende Empfehlungen geben die detaillierten Stellungnahmen der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie e.V. (6), der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm (7) und des arznei-telegramm® (8). Dass Wirkstoffe ohne ausreichende klinische Prüfung zur breiten Anwendung propagiert werden, ist ein zunehmendes Problem. Bemerkenswert ist die mediale Vehemenz mit der dies im vorliegenden Fall geschieht. Der Blick in die USA, wo die neue Administration derzeit die Anforderungen zum Nachweis der Wirksamkeit und Sicherheit von Medikamenten senkt, zeigt, dass Wissenschaftsfeindlichkeit inzwischen auch politisch mehrheitsfähig ist.

Verfasser/in:
Ruxandra Sabau
Apothekerin


PD Dr. med. Dirk O. Stichtenoth
Institut für Klinische Pharmakologie, Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover



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Literatur


(1) Friesen C, Hormann I, Roscher M et al. Opioid receptor activation triggering downregulation of cAMP improves effectiveness of anti-cancer drugs in treatment of glioblastoma. Cell Cycle 2014; 13: 1560-70
(2) Friesen C, Roscher M, Hormann I et al. Cell death sensitization of leukemia cells by opioid receptor activation. Oncotarget 2013; 4: 677-90
(3) Fachinformation. Fachinfo CD, BPI Service GmbH 2017
(4) Elefritz JL, Murphy CV, Papadimos TJ, Lyaker MR. Methadone analgesia in the critically ill. J Crit Care 2016; 34: 84-8
(5) Dowell D, Haegerich TM, Chou R. CDC Guideline for Prescribing Opioids for Chronic PainUnited States, 2016. JAMA 2016; 315: 1624-45
(6) Gemeinsame Stellungnahme der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm, des Universitätsklinikums Ulm und des Comprehensive Cancer Center Ulm zur Tumortherapie mit Methadon vom 23.08.2016 [ http://www.uniklinik-ulm.de/news/article/1119/stellungnahme-zur-tumortherapie-mit-methadon-1.html ]
(7) Stellungnahme der DGHO - Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie e.V. vom 26.04.2017 [
https://www.dgho.de/informationen/stellungnahmen/gute-aerztliche-praxis/DGHO_Stellungnahme_Methadon%2020170426_.pdf ]
(8) arznei-telegramm® 2017; 48, Nr. 6 [ https://www.arznei-telegramm.de/ html/htmlcontainer.php3?produktid=049_02&artikel=1706049_02k ]


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Alle Anfragen zur Arzneimitteltherapie können auf folgendem Wege an ATIS gestellt werden: Vorzugsweise per Fax: 0511 380-1003462. Telefon: 0511 380-3222. Postanschrift: KV Niedersachsen, z.H. Frau Dr. Friederike Laidig, Berliner Allee 22, 30175 Hannover. Die ATIS-Homepage mit elektronischem Anfrageformular ist im KVN-Mitgliederportal unter Verordnungen > Arzneimittel > therapeutische Informationen zu finden. Wir bitten aus organisatorischen Gründen, Anfragen an die genannte KVN-Adresse zu richten. Ihre Anfrage wird dann entweder dort direkt beantwortet oder an das Institut für Klinische Pharmakologie der MHH weitergeleitet.

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