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nä 09/2017
aktualisiert am: 15.09.2017

 

  Klinik und Praxis

Antibiotikaresistenzen

Regionale Daten für ein international beachtetes Thema. Aktuelle Ergebnisse aus ARMIN (Antibiotika-Resistenz-Monitoring in Niedersachsen)


 



Abb. 1


Abb. 2


 

Bereits seit 2015 steht das Thema Antibiotikaresistenz auf der Agenda der Konferenzen der sieben bedeutenden Industrienationen (G7) und der 19 führenden Industrie- und Schwellenländer sowie der Europäischen Union (G20). In der Abschlusserklärung ihres Treffens im Rahmen der G20-Präsidentschaft in Berlin im Mai 2017 machten die Gesundheitsminister deutlich, dass ein sachgerechter Einsatz von Antibiotika sowie Anreize für eine verbesserte Erforschung und Entwicklung von Antibiotika unerlässlich sind, um der weltweiten Zunahme von Antibiotikaresistenzen zu begegnen. Denn die Folgen sind weitreichend. So werden langfristig nicht nur Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung, sondern auch auf das Wachstum und die globale wirtschaftliche Stabilität erwartet. Bis Ende 2018 sollen daher nationale Aktionspläne erarbeitet werden.

Deutschland hat bereits 2015 mit DART 2020 die Weiterentwicklung der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie festgeschrieben. Im Februar 2016 hat auch Niedersachsen seine "Gemeinsame niedersächsische Strategie gegen Antibiotikaresistenz" veröffentlicht, die neun Handlungsfelder beschreibt und konkrete Maßnahmen und Projekte benennt. Das übergeordnete Ziel der Strategie lautet: "Die Wirksamkeit von Antibiotika muss für die Behandlung bakterieller Infektionserkrankungen bei Mensch und Tier erhalten bleiben. Hierfür muss der Anteil antibiotikaresistenter Bakterien begrenzt oder noch besser zurückgeführt werden."

Das Surveillancesystem ARMIN (Antibiotika-Resistenz-Monitoring in Niedersachsen) besteht seit 2006. Die Resistenzentwicklung klinisch relevanter Bakterien im stationären und ambulanten Bereich in Niedersachsen wird somit bereits seit über zehn Jahren systematisch erfasst und kontinuierlich beobachtet. Da Antibiotikaresistenzen sich nicht von Jahr zu Jahr gravierend ändern, ist gerade die Langzeitbeobachtung wichtig, um markante Trends zu erkennen. Das Niedersächsische Landesgesundheitsamt (NLGA) veröffentlicht die Daten aus ARMIN im jährlichen Rhythmus. Für das Jahr 2016 sind sie jetzt verfügbar.

Unverändert zeigt sich in den Daten für 2016 der rückläufige Anteil der Oxacillin-resistenten Staphylococcus (S.) aureus, also der MRSA-Anteil, und dem gegenüber der weitere Anstieg der Escherichia (E.) coli mit einer Resistenz gegenüber Dritt-Generations-Cephalosporinen. Auch der Anteil der Vancomycin-resistenten Enterococcus (E.) faecium (VRE) steigt weiter an. Für zahlreiche andere Erreger-Antibiotikum-Kombinationen zeigen sich dagegen nur geringe Veränderungen zum Vorjahr, ohne dass ein eindeutiger Trend erkennbar ist.

Einige Ergebnisse der Datenauswertungen im Detail

Der MRSA-Anteil unter den S. aureus im stationären Bereich ist seit 2010 rückläufig. Im Jahr 2016 waren 15,6 Prozent der 17.960 im stationären Versorgungsbereich getesteten S. aureus-Isolate resistent gegenüber Oxacillin. Im ambulanten Versorgungsbereich zeigt sich dagegen zwischen 2006 und 2016 nur eine geringfügige Veränderung. Hier betrug der MRSA-Anteil zuletzt 11,1 Prozent.

E. coli ist mit über 45.000 Isolaten im stationären und 58.000 Isolaten im ambulanten Versorgungsbereich der am häufigsten nachgewiesene und an ARMIN übermittelte Erreger. Der Anteil der gegen Cefotaxim resistenten Isolate betrug 2016 im stationären Versorgungsbereich 13,7 Prozent und im ambulanten Versorgungsbereich 7,0 Prozent. Häufig zeigte sich bei diesen E. coli-Isolaten auch eine Mehrfachresistenz. Ein Datenauswertung speziell unter dem Aspekt der Multiresistenzen bei gramnegativen Bakterien zeigt, dass im stationären Bereich im Jahr 2016 fast 10 Prozent der E. coli-Isolate, die gleichzeitig gegenüber Cefotaxim, Piperacillin und Ciprofloxacin getestet wurden, gegen alle drei Antibiotika resistent waren. Auch im ambulanten Versorgungsbereich spielen diese Mehrfachresistenzen eine zunehmende Rolle. Der Anteil der E. coli-Isolate mit einer gleichzeitigen Resistenz gegenüber Cefotaxim, Piperacillin und Ciprofloxacin betrug hier 2016 fast 5 Prozent.

Speziell in Harnwegsmaterialien ist E. coli der am häufigsten nachgewiesene Erreger. Nach der im Jahr 2017 aktualisierten S3-Leitlinie "Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei erwachsenen Patienten" [1] gelten Fosfomycin und Nitrofurantoin weiterhin als Mittel der ersten Wahl zur empirischen Antibiotikakurzzeittherapie bei der unkomplizierten Zystitis bei Frauen in der Prämenopause. Aus den ARMIN-Daten zeigt sich eine gute Wirksamkeit von Fosfomycin, dessen Resistenzanteil seit Beginn der Datenaufzeichnung unter 3 Prozent lag. Nitrofurantoin war ebenfalls gut wirksam, auch wenn der Resistenzanteil zwischenzeitlich auf 5 Prozent im Jahr 2014 anstieg.

VRE treten in Deutschland im Vergleich zum übrigen Europa vergleichsweise häufig auf. Die Vancomycinresistenz betrifft nahezu ausschließlich E. faecium. In Niedersachsen war entgegen dem bundesweiten Trend bis zum Jahr 2010 ein Rückgang des Anteils Vancomycin-resistenter E. faecium zu beobachten. Seitdem stieg der Anteil wieder auf 8,7 Prozent im Jahr 2016 an.

Auf der Internetseite http://www.armin.nlga.niedersachsen.de stehen die Resistenzdaten für 14 ausgewählte Infektionserreger in graphischer und tabellarischer Form differenziert für den stationären und ambulanten Versorgungsbereich zur Verfügung. Außerdem liefern die ARMIN-Infos "Harnwegsmaterial", "Blutkulturen", "Multiresistente Erreger" und "MRSA" detaillierte Spezialauswertungen. Die Abbildungen von Seite 8 und 9 können über die Internetseite auch als PDF-Dokument heruntergeladen oder ausgedruckt werden.

An ARMIN beteiligen sich inzwischen 13 Labore aus Niedersachsen und den angrenzenden Bundesländern. Die Labore übermitteln dem NLGA anonymisierte Einzelfalldaten der mikrobiologischen Resistenztestung für die 14 häufigsten bakteriellen Infektionserreger.


Verfasser/in:
Dr. med. Dagmar Ziehm, MPH
Nieders. Landesgesundheitsamt
Roesebeckstr. 4 bis 6, 30449 Hannover
dagmar.ziehm@nlga.niedersachsen.de
Dr. phil. Martina Scharlach, MPH
Nieders. Landesgesundheitsamt
Roesebeckstr. 4 bis 6, 30449 Hannover



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Literatur

[1] Leitlinienprogramm DGU: Interdisziplinare S3 Leitlinie: Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei erwachsenen Patienten. Langversion 1.1-2, 2017
AWMF Registernummer: 043/044,
http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/043-044l_S3_Harnwegsinfektionen pdf

Flyer unterstützt bei der Aufklärung von Patienten


"Kein Antibiotikum! Warum?" - So lautet der Titel eines Informationsblatts des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, das in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landesgesundheitsamt (NLGA) entstanden ist. Das Faltblatt unterstützt Ärzte bei der Kommunikation mit Patienten, wenn ein Antibiotikum nicht indiziert ist. Es werden die individuellen negativen Effekte einer nicht indizierten Therapie aufgezeigt und mögliche Alternativen genannt. In Kürze steht das Faltblatt auch in den Sprachen Englisch, Französisch, Türkisch, Russisch und Arabisch zur Verfügung.

Ärzte können sich das Informationsblatt als PDF-Dokument über die Internetseite http://www.antibiotikastrategie.niedersachsen.de unter dem Menüpunkt "Gesundheit des Menschen" herunterladen oder kostenfrei beim Ministerium bestellen - entweder über die genannte Internetseite oder per E-Mail an poststelle@ms.niedersachsen.de


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