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aktualisiert am: 15.07.2017

 

  Politik & Verbände

Alt ohne Doc?

Gesundheitsversorgung auf dem Land in der Zukunft – Dr. Thomas Stiller, Hausarzt bei Göttingen, wagt einen optimistischen Ausblick


 



Wie geht es weiter mit der Gesundheitsversorgung auf dem Land im Zeitalter des demografischen Wandels? Denn "das Land" wandelt sich im Moment. Ältere Menschen wohnen in den Dörfern, jüngere folgen der Arbeit in die Zentren. Medizin auf dem Land? Klar, das machen doch die Landärztinnen und Landärzte und die Landapotheken. Aber beide haben heute oft Probleme, Nachfolger zu finden. Demografischer Wandel ist aber kein Schicksal, sondern eine Herausforderung. Wie könnte eine Lösungsstrategie aussehen und welche Maßnahmen wären dafür notwendig?

Die Ärztin oder der Arzt vor Ort haben es einfacher als früher, aufs Land zu gehen und eine Praxis zu betreiben. So wurden z.B. in Niedersachsen die Bereitschaftsdienste auf maximal vier pro Quartal beschränkt. Es gibt auch keine Residenzpflicht mehr, d.h. der heute auf dem Land tätige Arzt kann privat in der Stadt wohnen und täglich ohne Stau bequem aufs Land pendeln.

Die Apotheke vor Ort erfüllt ebenfalls eine wichtige Funktion. Sie liefert schneller als jeder Botendienst die Medikamente oft noch am selben Vormittag aus. Das schaffen nicht einmal die besten Kurierdienste. Dies meist sogar kostenlos. Die Hausärztin oder der Hausarzt erfährt heute außerdem aus dem eigenen Team eine spürbare Entlastung: Die
"VERAH". Die Abkürzung steht für "Versorgungsassistent/in Hausarzt. Sie ist in den meisten Landpraxen schon tätig. Eine spezielle Weiterbildung ermöglicht ihr ein erweitertes arztentlastendes Tätigkeitsspektrum.

Einen weiteren großen Schritt, um den "Doc" in Zukunft aufs Land zu holen, stellt die aktuell eingeleitete Reform der Richtgrößenprüfungen dar. Das Schreckgespenst, zu viele Medikamente verordnen zu müssen, weil auf dem Land sich kein anderer Arzt befindet, und dann für überschreitungen der Durchschnittsgröße ohne Schuld Gefahr zu laufen, in einen existenzbedrohenden, finanziellen Regress zu geraten, hat den Nachwuchs bislang wirkungsvoll abgeschreckt. Mit den neuen, zwingend notwendigen Reformen haben sich die Kassenärztliche Vereinigung und die Spitzenverbände der Krankenkassen auf ein vielversprechendes Modell zur Regressvermeidung geeinigt. Es kann schließlich nicht im Sinne der Kassen sein, wenn die Patientinnen und Patienten auf dem Land ohne Arzt bleiben.

Arzt plus Technik ist Versorgung


Um zukünftig eine zeitgemäße medizinische Versorgung anbieten zu können, ist außerdem eine ausreichende Breitbandversorgung unerlässlich. In Zahlen heißt dies mindestens 50 Mbit/s für jeden Haushalt. Dies ist auch mit den immer noch überall vorkommenden traditionellen Kupferkabeln und der sogenannten "Fiber-to-the-curb-Technik" zu schaffen. Dazu wird zusätzlich ein schnelles LTE-Netz benötigt, damit der Datenfluss auch mobil erfolgen kann. Denn die digitale Vernetzung von Hausarzt und Krankenhaus sowie weiteren Gesundheitsdienstleistern wird in Zukunft immer stärker werden. Es wird dabei sicher nicht nur bei der elektronischen Gesundheitsakte und der digitalen Praxis bleiben, die heute schon zahlreich vorkommen.

Der persönliche Kontakt bleibt jedoch unerlässlich. Heilung und Fürsorge lassen sich nicht digitalisieren. Hier muss immer der Mensch dem Menschen helfen mit digitaler Unterstützung. Der Patient hat durch das Internet jedoch Möglichkeiten, Standortnachteile und weite Wege auszugleichen, indem er z. B. seine Blutdruckmessungen per Internet übermittelt. Ebenso können Pflegedienste mit z. B. Bildern von Wundheilungsverläufen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte schnell informieren.

Attraktive Niederlassungschancen


"Landarzt" zu sein ist mittlerweile auch eine familienfreundliche Berufsperspektive geworden. Die Selbstverwaltung hat dazugelernt und sich auch den Bedürfnissen der prozentual zunehmenden weiblichen Mediziner gestellt. Außerdem gibt es für Praxis-Gründer und -übernehmer viele interessante Kooperations- und Anstellungsvarianten. Da ist für jeden etwas dabei.

Also: "Alt ohne Doc?" Eher nicht, denn die Zukunft hat schon angefangen. Jetzt ist die Politik gefordert, über regionale Raumordnungsprogramme das Land nicht nur als Lebensraum von Windenergieanlagen zu planen, sondern den öffentlichen Verkehr, die Schulen und die Infrastruktur massiv auszubauen.

Weiterhin sind Wohngebiete notwendig. Dann haben junge Familien wieder eine Chance auf Haus und Land. So klappt es dann auch mit der Versorgung und die Bedrohungen durch den demografischen Wandel bleiben nur Theorie. "Alt werden mit Doc im Dorf mit Zukunft" heißt dann die Devise. Wenn alles zusammenwirkt, eine sichere Sache!

Verfasser/in:
Dr. med. Thomas Carl Stiller
FA f. Allgemeinmedizin

www.stillermed.de


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