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nä 07/2017
aktualisiert am: 15.07.2017

 

  Fortbildung

Leben. Bewahren und Verändern.

46. Psychotherapiewoche Langeoog 2017


 

Die Psychotherapiewoche der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) fand vom 21. bis 27. Mai 2017 statt. Die Resonanz auf die nach Langeoog zurückgekehrte Fortbildungswoche war erfreulich hoch. Unter dem Motto "Leben. Bewahren und Verändern." bot sich den Teilnehmenden ein anregendes und vielfältiges Fortbildungsprogramm mit elf Hauptvorträgen und einer Vielzahl vertiefender Seminare auf hohem fachlichen Niveau.

Am Eröffnungstag betrat Wolfgang Heine, der bis 2016 im Fachressort Fortbildung der ÄKN unter anderem auch für diese Woche zuständig war, noch einmal kurz die Bühne, um sich zu verabschieden und an seinen Nachfolger Baris Oral zu übergeben. Dieser begrüßte die Anwesenden dann zur "Auflage Langeoog 2.0". Anschließend äußerte sich der Bürgermeister der Insel, Uwe Garrels, erfreut über die Rückkehr der Fortbildungswoche nach Langeoog. Den Begrüßungsreigen schloss Professorin Anette Kersting, die Leiterin des wissenschaftlichen Beirats der Psychotherapiewoche. Sie führte inhaltlich in das Thema der Woche ein, erläuterte das Fortbildungsprogramm, informierte über neue Formate und bedankte sich bei den Mitarbeitern der ÄKN für die Organisation und den Support. Den Eröffnungsvortrag hielt Professor Michael Ermann, Professor em. für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, der unter dem Titel "Die Arbeit mit Träumen bei Freud und heute" einen Bogen spannte von der klassischen Traumdeutung hin zur modernen entwicklungsfördernden Traumbearbeitung. In seinem Vortrag ging er näher auf die verschiedenen Modi des Träumens ein, das heißt auf den implizit-prozeduralen und den explizit-deklarativen Modus.

Neben dem Eröffnungsvortrag beschäftigten sich im Laufe der Woche noch weitere Vorträge mit dem Motto "Leben. Bewahren und Verändern.". Daneben beinhaltete das Vortragsprogramm mehrere Beiträge zu spezifischen Krankheitsbildern. So sprach Professorin Alexandra Martin von der Universität Wuppertal (Klinische Psychologie und Psychotherapie) über die "Psychotherapie der körperdysmorphen Störung", welche im DSM-5 in der Kategorie "Zwangsstörung und verwandte Störungen" aufgeführt ist. Sie plädierte für eine therapeutische Grundhaltung, die nicht auf die Diskussion über den Makel fokussiert. Stattdessen sei das Therapieziel, das Vermeidungsverhalten der Patienten zu reduzieren und deren Bewegungsspielraum zu erweitern. Anschaulich erklärte sie wesentliche Therapietechniken wie zum Beispiel die Ganzkörperspiegelexposition. Die Perspektive komplexer Systeme auf den Menschen vertrat Professor Günter Schiepek von der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität und der Ludwig-Maximilians-Universität München in seinem Vortrag "Gehirn, Psyche und die Zukunft der Psychotherapie". Er betonte die Vorteile von Prozess-Outcome-Designs, bei denen Fluktuationen des Erlebens und kritische Instabilitäten beobachtet und mittels Analyse dynamischer Systeme für eine personalisierte Psychotherapie, die seiner Meinung nach angestrebt werden sollte, genutzt werden könnten. Abschließend sprach er sich für eine schulenübergreifende Psychotherapie und die Kooperation von Praxis- und Grundlagenforschung aus.

In dem Beitrag von Professorin Beate Ditzen vom Universitätsklinikum Heidelberg (Medizinische Psychologie) ging es um "Neuroendokrine Mechanismen von Stress, Stressbewältigung und ihre Wirkung auf die psychische und körperliche Gesundheit". Stress sei ein interindividuell stark variierendes psychobiologisches Phänomen, wobei Stress und Angst psychobiologisch nicht unterscheidbar seien. Am Beispiel von Paartherapiestudien demonstrierte die Referentin vielversprechende Befunde zur Integration von Grundlagendesigns in die klinische Praxis. Professor Wolfgang Wöller von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (Rhein-Klinik Honnef) widmete seinen Vortrag dem Thema "Bindungstrauma und Persönlichkeitsstörungen - Ressourcenbasierte psychodynamische Therapie". Er erläuterte verschiedene Traumatisierungsformen und ging im Zuge dessen näher ein auf Bindungs- und Beziehungstraumatisierungen, Misshandlung und Missbrauchstraumen der Kindheit, Traumatisierungen im Erwachsenenalter und Retraumatisierung, und abschließend auf Alltagsbelastungen mit traumawertigem subjektiven Belastungsgrad als Folge der persönlichkeitsspezifischen Vulnerabilität. In Auszügen stellte er das phasenorientierte Therapiekonzept der ressourcenorientierten psychodynamischen Therapie vor.

Dr. Nobert Matejek aus Bensheim referierte zum Thema "Zumutungen und Verwerfungen. Einige Aspekte der Behandlung von Patienten mit Psychose-Erfahrung". Obwohl die ambulante Psychotherapie für Psychosen mittlerweile in den Richtlinienkatalog übernommen wurde, würden immer noch viele Kollegen zögern, Patienten mit Psychosen ambulant zu behandeln. An einem Fallbeispiel aus der eigenen Praxis illustrierte der Referent potenzielle Probleme bei der möglicherweise irritierenden, hochambivalenten Kontaktaufnahme sowie bei der Indikationsstellung. In der Therapie seien weniger einzelne Deutungen wesentlich, sondern vielmehr komplexe Introjektionsvorgänge der psychischen Qualitäten des Behandelnden und seiner Methode, die er nutzen könne, um emotionale Notstände, Leidenschaften und Gedanken zu bearbeiten.

Mit einem psychoonkologischen Thema befasste sich der Vortrag "Wir wollten doch noch so viel machen. Auswirkungen einer Krebserkrankung auf Patient, Partner und Partnerschaft" von Professorin Tanja Zimmermann von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH, Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie). Ausgehend davon, dass eine Krebserkrankung nicht nur den Patienten, sondern auch sein Umfeld betrifft, ging sie auf medizinische, soziale, emotionale und existentielle Stressoren ein, thematisierte Progredienzangst als eine der stärksten Belastungen, setzte sich kritisch mit unangemessener Psychologisierung und Stigmatisierung von Patienten und ihren Angehörigen auseinander, und thematisierte Formen partnerschaftlicher Entwicklung im Rahmen einer Krebserkrankung, die als "We-disease" betrachtet werden sollte.

Professorin Elisabeth Schramm vom Universitätsklinikum Freiburg (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie) stellte die "Tiergestützte Therapie in der Depressionsbehandlung" vor, die sie in Kooperation mit dem MundenhofTeam anbietet und beforscht. Anhand von Videoausschnitten erläuterte sie das tiergestützte Achtsamkeitstraining mit Schafen in der Natur für teil- und instabil remittierte depressive Patienten. Sie stellte sich der Frage, ob es sich hierbei um einen Modetrend handelt oder um eine evidenzbasierte Behandlungsmethode. Tatsächlich lägen ermutigende Befunde vor, die zeigten, dass die tiergestützte Therapie eine wirksame Ergänzungsintervention zu etablierten Therapien darstellt. Aktuell laufe eine randomisiert-kontrollierte Behandlungsstudie, in der die Wirksamkeit dieses Therapiemoduls überprüft werde.

Privatdozent Dr. Gregor Szycik von der MHH (Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie) motivierte die Anwesenden in seinem Vortrag zur "Psychotherapie bei alkoholbezogenen Störungen", Patienten mit entsprechenden Diagnosen im ambulanten Setting zu behandeln. Er informierte über die Behandlungswege gemäß aktueller Psychotherapierichtlinien, die eine ambulante Behandlung von nicht-abstinenten Patienten inzwischen möglich machen. Im Zentrum des Vortrags von Dr. Helmuth Figdor von der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung stand die "Patchwork-Familie". Der Referent stellte seine Arbeit mit Patchwork-Familien an einem eindrücklichen Fallbeispiel dar und zeichnete den fließenden übergang von der Stieffamilie zur Patchworkfamilie nach. Patchworkfamilien würden sowohl ein hohes Risiko des Scheiterns als auch ein hohes Potenzial für unvergleichlich bereichernde Beziehungserfahrungen bergen.

Den Abschlussvortrag hielt am Samstag Dr. Klose aus Düsseldorf. In seinem Beitrag "Ich denke noch nicht daran, ganz aufzuhören! - Oder doch schon der Anfang vom Ende?" setzte er sich mit verschiedenen Identitätsturbulenzen in der Phase des Alterns auseinander, beschrieb das Altern und die damit verbundenen (eigenen) Erfahrungen mit medizinischen Behandlungen und Behandelnden sowie die Folgen fürs Selbsterleben.

Zu den besonderen Formaten der Psychotherapiewoche zählt seit einigen Jahren die sogenannte durchgehende Gruppe, die dieses Jahr von Professor Stephan Herpertz vom LWL-Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum (Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie) zum Thema "Essstörungen" geleitet wurde. Das wissenschaftliche Programm wurde darüber hinaus durch zwei gut besuchte Abendveranstaltungen komplettiert. Peter Hess gab einen interaktiven Vortrag zu "Klangmethoden" mit anschließendem Klangkonzert. In lebhafter Erinnerung bleiben wird den zahlreichen Besuchern zudem der Bach-Abend von Professor Andreas Kruse von der Universität Heidelberg (Institut für Gerontologie), der mit dem Blick des Alternsforschers das Schaffen von Johann Sebastian Bach beleuchtete und zur Freude der Anwesenden selbst auch einige Werke Bachs am Flügel anspielte.

Professorin Kersting verabschiedete die Teilnehmer und Referenten am Samstag mit einem Ausblick auf das Programm der nächsten Psychotherapie-Fortbildungswoche, das die überschrift "Trotz aller Krisen: Gegenwärtig bleiben." trägt. Die 47. Psychotherapie-Fortbildungswoche wird ebenfalls auf Langeoog stattfinden, wieder über Himmelfahrt vom 7. bis 11. Mai 2018.

Verfasser/in:
Prof. Dr. med. Dr. p Astrid Müller
MHH, Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie
Mitglied des wissenschaftlichen Beirats PTW der NÄK



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