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nä 06/2017
aktualisiert am: 15.05.2017

 

  Praxis & Versorgung

Mobilitätsbedürfnisse von Patienten

Patientenbusse als Bindeglieder zwischen dem Gesundheits- und Verkehrswesen


 



Abb. 1


Abb. 2


 

Das "Patientenmobil" in Leer ist ein innovativer Ansatz in der regionalen Gesundheitsversorgung, aber kein Einzelfall in Deutschland mehr. Die ärztliche Versorgung führt vor dem Hintergrund des demographischen Wandels sowie der problematischen Nachbesetzung von Landarztpraxen im ländlichen Räumen verstärkt dazu, dass immer mehr Menschen immer längere Wege zu den verbliebenen Arztpraxen zurücklegen müssen, wenn sie einer medizinischen Dienstleistung bedürfen. Dabei stehen die Betroffenen vor einem Problem, wenn kein Auto zur Verfügung steht bzw. gefahren werden kann, kein passendes Busangebot besteht, aber die Betroffenen auch "nicht krank genug" sind, um Anspruch auf eine ärztliche Verordnung zur Krankenfahrt gemäß Krankentransport-Richtlinie zu haben. Ohne Nachbarschaftshilfe bleibt als Ausweg nur eine teure Taxifahrt oder das Abwarten bis zur Verschlechterung des Gesundheitszustands, der eine "Beförderungsleistung" in Form von Krankenfahrt, Krankentransport oder gar Rettungsfahrt erforderlich macht.

Das Problem von medizinisch induzierten, oftmals aber unbefriedigten Mobilitätsbedürfnissen rückt allmählich im Verkehrs- und Gesundheitswesen ins Bewusstsein. Davon zeugen eine Untersuchung zur medizinischen Versorgung und zum öffentlichen Personennahverkehr (öPNV) im ZVBN-Gebiet (1), das medibus-Serviceangebot von DB Regio Bus (2) sowie Patientenbus-Verkehre. Es finden sich einige regionale Patientenbus-Initiativen, aber auch eine überregionale, wissenschaftlich begleitete Studie zu Möglichkeiten des Patiententransportes in ländlichen Gegenden.

Begriffsbestimmung


Der Begriff "Patientenbus" ist weder in der Krankentransport-Richtlinie noch im Personenbeförderungsgesetz (PBefG) oder an anderer Stelle normiert. Daher wird Patientenbus von den Autoren wie folgt verstanden:
- Sammelbeförderung von Personen,
- primär zu medizinischen Zwecken und Einrichtungen,
- mit/ohne ärztlicher Verordnung zur Krankenfahrt gemäß Krankentransport-Richtlinie,
- Einsatz von Personenkraftwagen mit max. 8 Fahrgastplätzen und Kraftomnibussen mit max. 16 Fahrgastplätzen,
- mit/ohne Genehmigung gemäß Personenbeförderungsgesetz.
Patientenbusse in der Praxis

Die in Deutschland betriebenen Patientenbus-Projekte weisen sehr unterschiedliche Ausprägungen hinsichtlich Organisation und Finanzierung, Betreiber und Betriebsform auf. Einen überblick über die Projekte und ihre Charakteristika gibt Tabelle 1. Die Begriffe Patientenbus, Patient(en)mobil oder Med(i)bus sind projektspezifische Bezeichnungen; in diesem Beitrag wird der Begriff Patientenbus auch als Sammelbegriff verwendet.

Patientenbusse in der Forschung


Neben den regional begrenzten und durch unterschiedliche Betreiber initiierten Patentenbus-Initiativen gibt es ein wissenschaftlich begleitetes Modellprojekt zur Patientenmobilität.

Das Modellprojekt "Integrierte Leitstelle für Notfallversorgung, Medizinverkehr und öPNV" (kurz: ILSE) im Landkreis Vorpommern-Greifswald findet in einer von 18 ausgewählten Regionen statt, die im Rahmen des BMVI-Modellvorhabens "Langfristige Sicherung von Versorgung und Mobilität in ländlichen Räumen" ausgewählt wurde. (3) Der Landkreis als Initiator arbeitet dabei mit dem Wissenschafts- und Technologiepark Nordost (Projektleitung), der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald (Wissenschaftliche Begleitung) sowie KCW (Konzeption, Modellierungen) zusammen.

Das Projekt baut auf dem Konzept der Initiative "Leben und Wohnen im Alter" (ILWiA-Konzept) des Landkreis Vorpommern-Greifswald auf. Im Fokus steht die kommunale Integrierte Leitstelle für Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz. Diese soll um Koordinierungs- und Serviceleistungen erweitert sowie für die Sicherstellung der Versorgung und Erreichbarkeit im ländlichen Raum ausgebaut werden.(4)

Die erste Ausbaustufe besteht darin, durch Koordination verschiedener bedarfsgesteuerter Verkehre sowie der Vermittlung von medizinischen Kurierfahrten und Auskünfte eine langfristige und finanzierbare Daseinsvorsorge in den Bereichen Gesundheit und Verkehr zu gewährleisten. ILSE übernimmt dazu die Koordination und Vermittlung sämtlicher Beförderungs-, Transport- und Informationsaufgaben. Alle Leistungen nutzen dasselbe IT-Dispositionssystem, damit innerhalb und über mehrere Dienstleistungen hinweg Bündelungen möglich sind ("cross-over dispatching").

Koordinations- und Vermittlungsleistungen von ILSE


ILSE koordiniert bzw. vermittelt die folgenden fünf Dienstleistungen:

- Beförderung von Patienten mit Krankenfahrten ("Medbus")
- Beförderung von Fahrgästen im bedarfsgesteuerten Linienbusverkehr ("Rufbus")
- Vermittlung von Mitfahrgelegenheiten für BürgerInnen ("Medride")
- Transport von medizinischen Kleingütern ("Medkurier")
- Vermittlung gesundheitsbezogener Auskünfte ("Medinfo")

Beim Medbus übernimmt ILSE die Koordination von Krankenfahrten, die gemäß §§ 7, 8 Krankentransport-Richtlinie verordnet werden. Die Krankenfahrten erfolgen nach Möglichkeit gebündelt und von Haus-zu-Haus. Des Weiteren koordiniert ILSE Rufbus-Fahrten, die als Linienverkehr gemäß § 42 PBefG genehmigt sind. Der Rufbus verkehrt bedarfsgesteuert mit Fahrplan- und Haltestellenbindung. ILSE vermittelt auch Mitfahrgelegenheiten (Ridesharing) unter der Bezeichnung "Medride". Hierzu können Personen freie Sitzplätze in den Fahrzeugen der kooperierenden Gesundheits- und Sozialdienste nutzen.
Unter der Bezeichnung "Medkurier" koordiniert ILSE Transporte von medizinischen Kleingütern (z.B. Medikamente) nach Hause. ILSE unterstützt mit "Medinfo" bei der Koordination von Terminen bei Außensprechstunden von Fachärzten oder vermittelt medizinische Beratungsangebote. Idealerweise werden verschiedene Dienstleistungen gebündelt, beispielsweise Krankenfahrt-Patienten mit Rufbus-Fahrgästen oder Mitfahrende mit Medikamenten.

Derzeit werden die für ILSE erforderlichen Organisations- und Finanzierungsmodelle erarbeitet. Dazu sind umfangreiche Gespräche und Verhandlungen mit zahlreichen Beteiligten im Gesundheits- und Verkehrswesen sowie innerhalb der Kreisverwaltung notwendig. Im Jahr 2017 ist der Pilotbetrieb in den Ämtern Peenetal/Loitz und Am Stettiner Haff vorgesehen.

Zusammenfassung und Fazit


Bedingt durch den demographischen Wandel stehen sowohl das Verkehrs- als auch das Gesundheitswesen vor wachsenden Aufgaben, deren Lösung idealerweise gemeinsam erfolgt: Bedarfsgesteuerte Verkehre werden effizienter, wenn Fahrgäste und Patienten sie gemeinsam nutzen; das Angebot kann mittels Ko-Finanzierung durch das Gesundheitswesen ausgeweitet werden und macht dadurch gesundheitsbezogene Einrichtungen für alle unbürokratisch und kostengünstig erreichbarer. Tür-zu-Tür-Bedienung und barrierefreie Fahrzeuge sind bei der Einrichtung solcher Patientenbusse unerlässlich.

Momentan sind sich Verkehrs- und Gesundheitswesen weitgehend fremd und arbeiten kaum zusammen, obwohl Schnittmengen und Handlungsoptionen in der öffentlichen Personenbeförderung bestehen. Patientenbusse können somit als Bindeglied zwischen dem Verkehrs- und dem Gesundheitswesen dienen.

Verfasser/in:
Dr. Christian Mehlert





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Quellen


(1) ZVBN (2012): Zweckverband Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (Hrsg.): Medizinische Versorgung und öPNV im ländlichen Raum. Bremen 2012; Download: http://www.zvbn.de/bibliothek/data/02_Abschlubericht.pdf (sic)

(2) Deutsche Bahn (2017): DB Regio Bus: DB medibus: Ihr professioneller Partner für Gesundheitsmobilität; Internet: http://www.deutschebahn.com/medibus ; Zugriff am 17.05.2017)

(3) BMVI (2017): Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur: Regionsprofil Landkreis Vorpommern-Greifswald. Internet: http://www.modellvorhaben-versorgung-mobilitaet.de/modellregionen/landkreisvorpommern-greifswald/ (Zugriff am 17.05.2017)

(4) Gieseler et al (2015): Vanessa Gieseler et al: Initiative Leben und Wohnen im Alter, Vorstellung der Projektergebnisse. Selbstverlag, Greifswald 2015 (ISBN 978-3-9817145-7-9)


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