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nä 06/2017
aktualisiert am: 15.05.2017

 

  Leserbriefe

Leserbriefe


 


Zum Beitrag "Wieder in Malawi: Nachhaltigkeit sieht anders aus" in nä 2/2017, S. 17/18:

Die Kollegen beschreiben ein bewegendes Bild Ihrer Arbeit in Malawi. Im Deutschen Ärzteblatt 2016 wurden eher die Erfolge berichtet [1]. Es gibt eindrucksvolle Ergebnisse im Aufbau einer medizinischen Versorgung vom Queen Elisabeth Hospital in Blantyre bis St. Gabriels in Namitete. Die Probleme Medikamentendiebstahl und Abwanderung des medizinischen Fachpersonals sind auch der Regierung in Malawi bekannt und geläufig. Möglicherweise zeigt dies das Ende der traditionellen Entwicklungshilfe auf. In der Zukunft gilt es, Entwicklungszusammenarbeit zu definieren, basierend auf einem gemeinsamen Miteinander. Aber auch wir müssen unsere Erfahrungen insgesamt und nicht nur die Erfolgsberichte bündeln, um diese der politischen Auseinandersetzung zugängig zu machen. Dies kann im Fall Malawi über die Deutsch-Malawische-Gesellschaft stattfinden, um Eingang in die Ländergespräche zwischen Auswärtigem Amt und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit zu finden. "Ran an die Wirklichkeit" gilt nicht nur für das Zielland, sondern auch für die Geberländer. Malawi hat auch Erfolge zu berichten, kein Grund für einen failed state.

Professor Dr. med. P. J. Heering
Solingen

[1] Deutsches Ärzteblatt 2016: 113;:31-32

Antwort des Autors Dr. med. Karl Eiter:


Sehr geehrter Herr Kollege Heering,

vielen Dank für Ihre Zuschrift, die uns durch die Redaktion des niedersächsischen ärzteblatts erreicht hat. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um zu berichten, dass ich 1979/80 unter Professor Kanzow als Assistenzarzt in Solingen tätig war.

Die von Ihnen genannten Einrichtungen (QECH / Blantyre und Namitete) können kaum als Erfolgsgeschichte der malawischen Verantwortlichen benannt werden, hierzu ist viel zu viel externer Input geflossen - Namitete beispielsweise wird auch nicht unter dem Government geführt.

Nein, schauen Sie sich in den Distrikten um, jüngst rehabilitierte Krankenhäuser (zum Beispiel Chitipa) oder neu gebaute Gigantomanen-Bauten (Nkhata Bay) können nicht erhalten werden, die laufenden Kosten wie die für die Stromversorgung können nicht beglichen werden. Es gibt kein maintenance budget. Hier in Chintheche hat ESCOM, der staatliche Stromlieferant gerade seit fünf Tagen die Stromversorgung des kleinen Hospitals eingestellt, die Gebühren wurden seitens des MoH nicht beglichen.

Das demonstrative Desinteresse an Wartung und Reparatur von Krankenhausinventar ist durch donations anerzogen worden. Daneben gibt es kein auch noch so geringes Budget, das den Kauf eines Nagels oder einer Schraube ermöglichen würde. Schon einmal haben wir, damals in Chitipa, mit dem Bau und der Ausstattung einer Krankenhauswerkstatt Schiffbruch erlitten. Kaum war die Werkstatt eingerichtet, da waren die Werkzeuge bereits verschwunden. Vermutlich wird es uns jetzt genauso ergehen, die neue Werkstatt ist eingerichtet, eine verantwortliche Person wurde noch immer nicht benannt. Wiederum sind wir alleine tätig, der einzige engagiert arbeitende Clinical Officer ist zusammen mit der Matron zu einem einwöchigen Workshop gefahren. Ich kann es ihnen nicht verdenken, bekommen sie doch dort ihre daily allowances ausgezahlt. Auf ihre regelmäßige, miserable Bezahlung müssen die Civil Servants mitunter Monate warten. Wir haben ein Ultraschallgerät mitgebracht und immer wieder angeboten, interessiertes Personal zu unterrichten. Training on the job scheint uninteressant - da gibt´s keine allowances zu verdienen.

Wann immer wir versuchen - vorsichtig, leise, höflich - darauf aufmerksam zu machen, dass zum Beispiel der Antibiotika-abusus in der OPD gestoppt werden muss, es schlägt Ablehnung entgegen: "We in Malawi do it different, we do have the syndromic approach ..." Hier hilft auch der Hinweis nicht, dass wir von Liberia über Zentralafrikanische Republik, von Sudan über Somalia, vom Kongo über Tanzania durchaus wissen, wie es anders aussehen könnte. Arroganz und Unwissenheit paaren sich zu einem Rassismus den dummen Weißen gegenüber.

Nkhata Bay hospital ist jetzt seit circa einem Jahr in Betrieb, soweit wir wissen, von den Vereinigten Arabischen Emiraten finanziert worden. Zeitweise gibt´s aber auch dort kein Wasser und keinen Strom, Patientinnen wurden uns von dort in unser völlig verfallenes Mini-Krankenhaus zur Sectio überstellt.

Der Regierung in Malawi dürfte so einiges bekannt sein, bei unseren zahlreichen Gesprächen am Capital Hill in Lilongwe im Ministry of Health schlug uns indes geballtes Desinteresse entgegen. Ganz offensichtlich war den Herrschaften der Fang zu klein, zwei Ärzte aus Deutschland, die freiwillig für Gottes Lohn arbeiten wollen, aber an denen ganz offensichtlich nichts zu verdienen ist.

Wir sind jetzt insgesamt fast sechs Jahre in Malawi tätig. Fakt ist:
- Familienplanung existiert nur noch rudimentär, in den letzten Jahren ist es zu einem exponenziellen Anstieg der Population gekommen.
- Das Gesundheitswesen ist nur noch eine Katastrophe, absolut essenzielle Medikamente sind nicht vorhanden, das health budget wurde jüngst um 50 Prozent gekürzt.
- Das Bildungswesen ist rapide schlechter geworden.
- Die Arbeitslosigkeit unter den jungen Leuten ist gigantisch, hier geht einem der Begriff der "lost generation" durch den Kopf.
- Die Unterstützung im Agrarsektor geht gegen null, immer wieder droht Nahrungsmittelknappheit.
- Die Korruption hat zugenommen, dies bleibt auch dem Normalbürger nicht verborgen und führt zu entsprechenden Verhaltensweisen.

Im Sprücheklopfen bleiben die Politiker dieses Landes ungeschlagen. Aber bitte erklären Sie uns, wann man von einem failed state reden darf, wenn nicht heute.

Mit ganz herzlichen Grüßen
Ihr Dr. Karl Eiter, Allgemein-/ Rettungs-/ Tropenmedizin
M. Sc. Tropical Agriculture




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