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aktualisiert am: 15.05.2017

 

  Fortbildung

Ausgeschlossen aus der „Welt der Anderen“

Autisten scheitern häufig im normalen Medizinbetrieb / 2,5fach erhöhte Mortalitätsrate / Schwerpunktthema beim Ärzteforum Weser-Ems


 


Bei Ihren Patienten kommt Autismus viel häufiger vor, als Sie denken - mit diesen Worten zog Dr. med. Daniel Schöttle beim Eröffnungsvortrag die Zuhörer gleich in seinen Bann. Trotz der relativ hohen Lebenszeitprävalenz von einem Prozent werde die Erkrankung bei manchen Formen, die hochfunktional seien, erst im Erwachsenalter diagnostiziert, sagte der Psychiater vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Die medizinische Versorgung Betroffener sei unbefriedigend - obwohl sie häufiger krank würden, sowohl psychisch als auch körperlich. Das Mortalitätsrisiko sei um den Faktor 2,5 erhöht im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Ein wesentlicher Grund seien die durch Autismus bestehenden "unsichtbaren Barrieren" sozialer Natur, die das Gesundheitssystem unzureichend berücksichtige. Diese machten manchem Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) schon einen normalen Arztbesuch unmöglich.

ASS-Betroffene mit einer hochfunktionalen ASS-Form, die nicht intelligenzgemindert seien, verfügten zwar über kognitive Kompensationsstrategien ihres Handicaps. Dennoch hätten sie mit erheblichen Schwierigkeiten auf zwischenmenschlicher Ebene und in sozialen Situationen zu kämpfen.

Die autistische Basisstörung verberge sich oftmals hinter Komorbiditäten anderer Krankheiten - bis die Betroffenen an privaten und beruflichen Anforderungen scheiterten oder auf Grund anderer psychischer Probleme ärztlichen Rat suchten, erklärte Dr. Schöttle. ASS gehe mit Komorbiditätsraten von 80 Prozent für psychiatrische Erkrankungen einher. Auch kardiovaskuläre Erkrankungen seien häufig, Suchterkrankungen dagegen selten. Insgesamt gebe es deutlich höhere Raten an psychiatrischen Komorbiditäten wie Depressionen, Angsterkrankungen, AD(H)S, Schizophrenien und Zwangserkrankungen als in der nicht-autistischen Bevölkerung; auch sei die Rate an somatischen Erkrankungen, wie kardiovaskulären, neurologischen (v. a. Epilepsien) und gastrointestinalen Erkrankungen im Vergleich mit der nicht­autistischen Bevölkerung signifikant erhöht. Die hohen Komorbiditätsraten erklärten sich möglicherweise auch dadurch, dass Kommunikationsdefizite und Defizite in der sensorischen Verarbeitung zu Schwierigkeiten führten, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. "Die Betroffenen betreiben weniger gesundheitliche Vorsorge und kommen häufiger in die Notaufnahme", berichtete der Psychiater.

Nach einer neuen Studie sei die Lebenserwartung autistischer Menschen um 16 Jahre reduziert. Das Suizidrisiko sei 7,5fach erhöht, bei ASS ohne Intelligenzminderung sogar um das Zehnfache. Dazu trage auch bei, dass zumeist ein gutes soziales Netzwerk fehle, erklärte Dr. Schöttle: "Den Betroffenen hängt das Stigma an, kaltherzig und unempathisch zu sein - das nicht stimmt".

ASS-Betroffene hätten bei wechselseitigen sozialen Interaktionen große Schwierigkeiten, so der Diagnosekatalog nach ICD-10. Dies betreffe Blickkontakt, Mimik, Körperhaltung und Gestik. Es gebe einen Mangel spontan Freude oder Interessen zu teilen. Hinzu kämen weitere kommunikative Beeinträchtigungen, etwa Gespräche anzufangen. Zu den diagnostischen Kriterien gehöre auch ein stereotypes Repertoire von Interessen und Aktivitäten. "Aber Menschen mit Autismus haben auch Stärken wie besondere Sorgfalt und Wertschätzung von Details, gute Merkfähigkeit, Wahrheitsliebe und Loyalität", betonte der Psychiater.

Auf Grund ihrer besonderen Bedürfnisse, die Kommunikation, Struktur und Sensorik betreffen, hätten Menschen mit ASS nur einen unzureichenden Zugang zum medizinischen Gesundheitssystem. Es gebe kaum spezielle Einrichtungen, Hausärzte seien häufig nicht auf Autisten eingestellt. "Es ist eben kaum vorstellbar, dass jemand Schwierigkeiten hat zu telefonieren oder die körperliche Nähe im Wartezimmer nicht aushalten kann", sagte der Psychiater. Auch offene Fragen beim Arztgespräch führten zu überforderung und Stress beim Patienten - der dann Arztbesuche lieber vermeide.

In der Arztpraxis könnten diese "unsichtbaren" Barrieren oft durch einfache Maßnahmen abgebaut werden: zum Beispiel durch Vergabe von Randterminen per Mail, kurze Wartezeiten und ruhige und reizarme Warteräume. "Manche warten auch lieber im Auto", berichtete Dr. Schöttle. Ärzte sollten körperliche Berührungen bei der Untersuchung ankündigen, spezifische Phobien etwa gegen Spritzen und ein reduziertes oder untypisches Schmerzempfingen der Patienten berücksichtigen. In Krankenhäusern sollte Personalwechsel vermieden werden.

Eine ASS-Diagnose sei sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen sehr hilfreich. Aber die Wartezeit auf ein Verfahren betrage im Erwachsenenbereich oft mehr als ein Jahr. Nach der Diagnosesprechstunde seien 75 Prozent der Betroffenen auf der Suche nach einer Therapie - oft lange Zeit vergeblich.

Der Formenkreis der Autismus-Spektrums-Störungen nach ICD-10 umfasse einen weiten Rahmen an phänomenologischen Erscheinungsbildern, erklärte Dr. Schöttle. Es gebe vielfältige genetische Ursachen, mehr als 400 verantwortliche Gene seien inzwischen identifiziert worden. Auch andere biologische sowie soziale Faktoren könnten eine Rolle spielen. Entsprechend viele Kriterien würden bei der Diagnostik untersucht, welche die soziale und die Sprachentwicklung des Kindes sowie soziale Interaktionen und kommunikative Parameter beinhalteten.

Phänomenologische überschneidungen gebe es in einzelnen Punkten mit anderen psychiatrischen Krankheitsbildern, etwa ADHS (Konzentrationsstörungen), und verschiedenen Persönlichkeitsstörungen (beispielsweise schizoiden oder emotional-instabilen Persönlichkeitsstörungen), Sozialphobien (soziale Ängste) und Schizophrenien (psychotische Symptome). Zum Teil seien das Begleitsymptome, die anders ausgeprägt sind.

Es gebe keine Medikamente zur Behandlung der autistischen Kernsymptome, wenngleich etwa die Störungen der sensorischen Wahrnehmung und Reizüberflutung mit niedrig dosierten Psychopharmaka behandelt werden könnten, sagte der Psychiater. Das sei aber ein Off-Label-Gebrauch. Hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen sei Vorsicht angebracht, da die Patienten dafür besonders empfindlich seien. Komorbide Symptome wie etwa Anspannungszustände könnten ebenfalls medikamentös, wie auch psychotherapeutisch, therapiert werden.

"Die Patienten haben ein Leben lang versucht, sich anzupassen", erklärte Diplom-Psychologin Dr. rer. nat. Nicole David vom Asklepios Klinikum Harburg. Die Annäherung an die "Welt der Anderen" habe teilweise zu dysfunktionalen Bewältigungsmodi geführt. Durch Psychotherapie könne versucht werden, neue Strategien zu erlernen. "Die Kerndefizite einer Autismus-Störung sind aber nicht wegzutherapieren", betonte Dr. David. Das intuitive Verständnis sozio-kommunikativer Signale sowie die sozio-emotionale Gegenseitigkeit blieben dauerhaft eingeschränkt - jedoch könnten Strategien erlernt werden, um diese zu verbessern.

Eine Psychotherapie im Erwachsenenalter müsse Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung mit fundamental anderer Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung, also Hirnfunktion, anerkennen. Auf Bedürfnisse nach Kontrolle und sozialem Rückzug müsse Rücksicht genommen werden. Wichtig sei auch das Einüben sozialer Kompetenzen. Auch Gruppentherapie könne hilfreich sein. Die langjährigen Therapien, die auch zu mehr Selbstbewusstsein führen sollen, hätten nicht das Ziel, "Anpassung um jeden Preis" zu erreichen, erklärte die Diplom-Psychologin: "Das haben die Patienten ein Leben lang gemacht."
n Christine Koch
Zum sechsten Mal luden Anfang Mai die nord-westlichen Bezirksstellen zum Ärzteforum Weser-Ems ein. Der thematische Mix aus medizinischen Dauerbrennern wie Dermatologie und praxisbezogenen Vorträgen (Stuhlinkontinenz, Gefäßchirurgie) lockte wieder mehr als 100 Teilnehmer ins Hotel Heidegrund in Garrel. "Das Interesse ist ungebrochen", freute sich der Bezirksvorsitzende von Aurich, Dr. med. Jörg Weißmann. Die Seminare in den vier Blöcken waren im Nu ausgebucht. Das Masterthema, das im Eröffnungsvortrag und in zwei weiteren Seminaren beleuchtet wurde, kam aus dem psychiatrischen Bereich: Diagnostik und Behandlung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen.

Verfasser/in:
Christine Koch





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"Das Reizdarm-Syndrom ist eine Herausforderung"

Nahezu ein Viertel aller Deutschen leidet am Reizdarmsyndrom - in vielen Fällen dauerhaft. "Das Reizdarmsyndrom ist eine große Herausforderung für Arzt und Patient", sagte Dr. Jörg Evers von der Gastroenterologischen Schwerpunktpraxis in Aurich beim Ärzteforum Weser-Ems. "Es ist eines der häufigsten gastrointestinalen Krankheitsbilder und ist oft nicht heilbar."

Die Diagnose, die erst nach mindestens dreimonatiger Beschwerdedauer gestellt werden könne, sei "keine einfache Aufgabe", sagte Dr. Evers. Der Arzt gehe nach dem Ausschlussprinzip vor. Die Beschwerden seien vielgestaltig und wechselnd und kämen oftmals gleichzeitig vor, wie Obstipation und Diarrhoe. Beeinträchtigt werde zwar die Lebensqualität, aber nicht die Lebenserwartung, betonte der Gastroenterologe. Nach dem Ausschluss von Alarmsymptomen wie plötzlichem Gewichtsverlust oder Blut im Stuhl müssten alle Differenzialdiagnosen in Erwägung gezogen werden. Dazu gehöre eine umfangreiche Diagnostik von der lückenlosen Laboruntersuchung bis zur Koloskopie.

Die Therapie orientiere sich an Allgemeinmaßnahmen und speziellen Symptomen. Dazu gehörten Nikotinverzicht und häufige körperliche Bewegung. Zur Linderung der Beschwerden empfahl Dr. Evers in erster Linie Flohsamenschalen. Bei Schmerzen könnten Buscopan und Antidepressiva verordnet werden. Eine Psychotherapie könne die Beschwerden auch in einigen Fällen bessern, sagte der Gastroenterologe. Oder ein anderer Faktor: "Bei bis zu 50 Prozent aller Patienten verschwinden die Beschwerden mit der Zeit."

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