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nä 04/2017
aktualisiert am: 15.04.2017

 

  Praxis & Versorgung

Rent a doctor

Videosprechstunden sind in Skandinavien und in Teilen des Baltikums schon gang und gäbe. Rund drei Viertel aller Beschwerden sollen per Fernbehandlung heilbar sein


 


Als ich im Sommer 2016 einmal wieder in Finnland war, fielen mir sowohl Zeitungsanzeigen als auch Werbung zu dem Thema "rent a doctor" auf. Aus terminlichen Gründen konnte ich mich nicht mehr vor Ort informieren, darum habe ich es via Internet von Deutschland aus getan. Das Ergebnis war, dass wir in Deutschland bei der Nutzung des Internets im Gesundheitsdienst meilenweit hinterherzuhinken scheinen. Wir könnten viel lernen und auch manche Schwierigkeit im Gesundheitsdienst ausräumen, wenn wir mal über die Grenzen hinausschauten.

Meine Recherchen ergaben, dass man schon seit mehreren Jahren in Finnland nicht nur Termine in den Praxen, sondern auch einen Arzt via Internet rund um die Uhr in Form von Mails, über das Smartphone oder auch über sein Laptop mit einer Videokonferenz buchen oder konsultieren kann. Diese Arztkontakte werden nicht nur innerhalb Finnlands angeboten, sondern auch grenzüberschreitend in den Nachbarländern Estland und Schweden. Das Interesse für diese Dienste soll weltweit sein und bis nach Israel, Marokko, angeblich auch bis Berlin gehen. Die Genehmigung hierzu wurde von der finnischen Gesundheitsbehörde schon im Jahr 2012 erteilt. Es muss aber unterschieden werden, ob man einen persönlichen oder einen virtuellen Kontakt haben will. Dieses Angebot gibt es ebenso für Zahnärzte, Mundhygieniker, Physiotherapeuten, lizensierte Masseure und andere Berufe im Gesundheitsdienst. Wenn man die entsprechenden Internetseiten anklickt, wird genauerer gefragt: Wessen Dienst möchte man in Anspruch nehmen? Allgemeinarzt oder Spezialist welcher Kategorie? Wie viele Kilometer soll die Praxis maximal entfernt sein?

Und nun kommt die beste Frage: Wie lange soll die Sitzung dauern? 30 Minuten oder mehr? Der Patient selbst und nicht der Arzt oder Therapeut gibt also die gewünschte Konsultationszeit an. Dementsprechend kann der Konsultationspreis vorab berechnet werden. Er bewegt sich beim persönlichen Arztkontakt abhängig von der Ausbildung und dem Stand des Arztes zwischen etwa 50 Euro und 150 Euro für den Arzt bei einer durchschnittlichen Zeit von etwa 15 bis 20 Minuten. Hinzu kommen 10 bis 20 Euro allgemeine Praxisgebühr. Die Kosten für Labor, Röntgen oder Sonografie etc. bewegen sich zwischen 10 und 100 Euro. Alles muss sofort bezahlt werden. Anders als teils in Deutschland hat der behandelnde Arzt keinen Anteil an den Laborkosten. Die berechnet allein ein Laborarzt oder auch ein Biochemiker, der auch ein medizinisches Labor leiten darf.

Abklärung per Kamera


Etwas anders sieht es bei den virtuellen Arztkonsultationen aus. Hierbei handelt es sich oft um eine Firma im Gesundheitsdienst, die auch im Besitz von Ärzten sein kann, die den Kontakt zum gewünschten Arzt vermitteln. Diese Institutionen machen nicht nur auffallende Werbung um die Patienten, sondern werben auch um Ärzte für ihre Dienste, die zurzeit noch für diese kostenfrei sind. Hat man sich eingeklinkt, bekommt man meist ein Formular zurück, in dem neben den Personalien auch die Zahlungsmodalitäten geklärt werden, nach den Beschwerden und nach alten Befunden gefragt wird, die man ggf. im Anhang senden kann.

Natürlich geht auch ein rein telefonischer Arztkontakt. Die Video-Konsultation ist aber die beste und wohl auch ehrlichste. Dabei kann der Arzt sich auch die erkrankte oder betroffene Stelle vom Patienten zeigen lassen und gleichzeitig bekommen beide einen Eindruck voneinander. Selbst die Lesefähigkeit nach einer Augenoperation wird via Videokonsultation geprüft. Der Arzt hat unter bestimmten Bedingungen die Möglichkeit, Wiederholungsrezepte auszustellen. Ausgenommen sind bestimmte Medikamente wie Psychopharmaka und Opiate. Auch kann er einen Laboruntersuchungsauftrag veranlassen.

In den ärztlichen Kommentaren ist zu lesen, dass 74 Prozent aller Beschwerden via Fernbehandlung heilbar seien. Als Beispiele werden genannt: Antikonzeption, fast alle Erkältungskrankheiten, Allergien, Hautprobleme, Migräne und Kopfschmerz, Durchfall, übelkeit, Verstopfung, Harnwegsinfekte, Verrenkungen und vieles mehr. Es reiche im übrigen meistens aus, wenn man seinen Patienten nur einmal im Jahr persönlich sähe. Ausnahmen seien die chronischen Erkrankungen wie Diabetes und andere, aber auch da sei eine Kontrolle lediglich zwei maximal drei Mal pro Jahr ausreichend. Einige dieser virtuellen Praxen rechnen auch direkt mit der dafür zuständigen kommunalen Rentenkasse KELA ab, sodass nur ein Eigenanteil von 9,90 Euro für den Patienten bleibt. Weiterhin heißt es auch, dass hierdurch die Anzahl der Besuche der oft überlasteten Gesundheitszentren verringert werden kann. Auch sei es volkswirtschaftlich nicht zu vertreten, wenn ein berufstätiger Elternteil seine Arbeit unterbrechen müsse, um mit seinem erkrankten Kind lange Wege bis in die Praxis zu fahren, dort stundenlang zu warten, um nach einem kurzen Blick des Arztes auf das Kind nach fünf Minuten nur ein Rezept zu erhalten.

Weltweit beim Wunscharzt


Dieses System etabliert sich gerade in Finnland bis in seine Nachbarländer. Es wird nicht nur seit mehreren Jahren von der finnischen Ärztekammer unterstützt und überwacht, es ist auch schon für dieses Projekt Förderungsgeld der EU geflossen.

Die Vorteile sind eindeutig sichtbar. Es spart lange Anfahrtszeiten und ebenso Wartezeiten in den auch dort überfüllten Praxen. Gerade der ärztlichen Unterversorgung in ländlichen Gebieten kann entgegengewirkt werden. Arztbesuche müssen nicht während der Arbeitszeit stattfinden. Untersuchungen haben ergeben, dass der größte Teil der Patienten Berufstätige sind, die nach Feierabend diese Möglichkeit nutzen.

Die virtuelle Konsultation ist auch für Ärzte nützlich. Denn eine dieser Anlaufstellen hat ihren Ursprung an einer Universitätsklinik Finnlands, wo ältere, erfahrene Ärzte von jüngeren, auf dem Lande arbeitenden Kollegen rund um die Uhr via Internet mit all seinen Möglichkeiten der Befundübertragung gefragt werden können. Mittlerweile können sich dort in dieses von der Uni gegründete System auch Patienten einklinken und sich von kompetenten Ärzten gegen eine Gebühr einen Rat geben lassen. Wenn innerhalb der EU ärztliche Approbationen gegenseitig anerkannt werden, kann beispielsweise ein spanischer Kollege seine in Deutschland lebende Landsmännin per Videokonferenz behandeln. Oder umgekehrt kann der deutsche Hausarzt seine in Spanien lebende Rentnerin per Videokonferenz therapieren, auch noch nach seiner Pensionierung, wenn er mehr Zeit hat. Und alles ohne Praxisräume. Wenn die Ärzte dann auch noch EU-weit rezeptieren und Laboruntersuchungen veranlassen dürfen, reicht es meist völlig aus, wenn viele der Patienten sich in ihrem Heimaturlaub bei ihrem Arzt einmal jährlich sehen lassen. Ansonsten reicht meist das Smartphone.

In Deutschland dürfen Apotheken ärztliche Verordnungen rezeptpflichtiger Präparate allein via Mail nicht abgeben. Innerhalb Finnlands geht das schon, wohl auch sogar grenzüberschreitend, wenn der Arzt approbiert ist. Für den Apotheker wäre es aber wichtig, wenn er sich über den verordnenden Arzt informieren oder bei Rückfragen Kontakt zu ihm aufnehmen könnte. In Finnland gibt es eine ausführliche Matrikel der gesamten Ärztezunft, die immer einmal wieder aktualisiert wird. Dort kann man sehen und lesen, mit wem man es zu tun hat.

Da ja ein persönlicher Arztbesuch nicht ausgeschlossen wird, ist das Risiko für alle Beteiligten nicht sehr hoch. Persönlich habe ich als Hafenarzt in Kotka/Finnland bei Patienten über Tausende von Kilometern via Seefunk Diagnosen gestellt und sie behandelt. Von Videokonferenzen war man noch weit entfernt. Außerdem bekäme man den Ärztemangel leichter in den Griff, wenn es jedem approbierten Arzt auch grenzüberschreitend erlaubt wäre, Patienten zu behandeln, wie es an der holländischen Grenze anfangsweise schon geschieht. Neu wäre nur: Auch zu jeder Tages- und Nachtzeit via Internet. Die Anfänge sieht man schon in anderen Ländern. In ein paar Jahrzehnten wird alles eine Selbstverständlichkeit sein.

Verfasser/in:
Dr.med. Diethard Friedrich
FA für Gynäkologie und Obstetrik, Zeven




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Prof. Dr. Matthias Augustin
Leiter des Comprehensive Wound Centers (CWC)
am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)


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