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nä 04/2017
aktualisiert am: 15.04.2017

 

  Praxis & Versorgung

Doktorspiele mit Headset?


 


Alle reden von Digitalisierung! Die sogenannte Video-Sprechstunde kommt ja auch so nett und zukunftsbejahend daher, dass jeder sie eigentlich richtig lieb haben möchte. Für technikaffine Youngsters besteht nun endlich die Möglichkeit, die von Google oder Wikipedia noch unbeantworteten Fragen mit dem Tele-Doc vom heimischen PC oder Handy aus zu checken, ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen. Skypen mit dem Enkel in Budapest, wer möchte das nicht? Quasi die Erweiterung der Amazon-Comfort Zone auch bei Durchfall und Mittelohrentzündung. Schade, dass es dabei zu einem für Oma und die richtig Kranken ziemlich unfairen Wettrennen um die rare Ware Arztzeit kommt! Natürlich ganz praktisch, dass der Doc nun nicht mehr Tabakrauch oder Alk-Fahne riecht, nachdem man ihm doch gerade Abstinenz geschworen hatte. überhaupt, es ist ein bisschen wie bei Domian: aus der Distanz kann man recht unbekümmert kommunizieren, das Heimspiel des Doktors in dessen Sprechzimmer ist endlich Vergangenheit.

Aber nun mal im Ernst: was steckt dahinter, was nützt es, was haben die Video-Sprechstunde und Telemedizin für Auswirkungen? Zumeist sind bereits die Kapazitäten für die realen Sprechstunden völlig ausgelastet. Wo soll denn die Zeit für virtuelle Konsultationen herkommen? Die großen kostenträchtigen Krankheiten kommen für Doktorspiele auf Skype-Niveau überhaupt nicht in Frage. Die dabei technisch bedingte Reduzierung der ärztlichen Sinne auf Bildschirm und Headset, die künftig absehbare Reduzierung der vieldimensionalen Begegnungsebene in der klassischen, individualisierten Arzt-Patient-Beziehung auf Bild und Ton wirft ernsthafte Fragen zu Sorgfalt, ärztlicher Kunst und Haftung auf. Aber nicht nur die dem Arzt zugänglichen Dimensionen seiner professionellen Wahrnehmung werden reduziert. Auch die für den Patienten salutogenetisch wichtige beziehungsgetragene Selbstwirksamkeit wird in einer derart amputierten Verständigung schmalbandig eingeengt. Vom Datenschutz mal gar nicht erst zu reden!

Treibende Kraft dieser ganzen virtuellen Abfertigung ist die ökonomisierung der Medizin. Call Center, Hotlines, die Service-Wüste Deutschland lassen es ahnen: die medial organisierte Vermittlung zuvor menschennaher Arztarbeit entspricht den bekannten betriebswirtschaftlichen Grundwerkzeugen zur Stückkosten-Senkung, Steigerung der Erträge und Rendite-Maximierung - so richtig nützlich erst für die kommenden nicht-ärztlichen Organisatoren einer bislang noch freiberuflich und mittelständisch geleisteten ambulanten Patientenversorgung.

Nach der anfangs spielerisch verbrämten Einführung ("nur eine zusätzliche Option") wird sich rasch zeigen, dass Video-Sprechstunden statt in der Nische bald auch über Call-Center, sogar in Bangalore preiswert angesiedelt, quasi industriell und flächendeckend betrieben werden können. Das derzeit noch gültige Fernbehandlungsverbot wird aktuell bereits in Baden-Würtemberg "versuchsweise" ausser Kraft gesetzt. Fortsetzung folgt.

Globalisierung, freier Verkehr von Waren und Dienstleistungen, entgrenzte Mobilität, das Internet-of-Things, wer wird nicht permanent mit diesen neuen Heilsparolen berieselt? Jetzt also ein weiterer Anlauf, im Herzen gesellschaftlicher Daseinsvorsorge medizinische Zuwendung auf Twitter-Niveau einzudampfen. Als mittelbare Folge ist eine Deformierung ärztlicher Standards nach Gusto einer konsumorientierten, digital verführten Spaßgesellschaft abzusehen. Man riskiert die Trivialisierung des professionellen Rahmens unserer ärztlichen Ordination. Die Video-Sprechstunde bricht so dem ungehemmten, anlassfreien Konsum von ärztlicher Leistung im Flat­rate-System der Kassenmedizin weitere Bahn.

Wir als Vertreter der verfassten Ärzteschaft stehen hier in der Pflicht, aus professionellem Selbstverständnis die Rahmenbedingungen unseres ärztlichen Angebotes für die Bevölkerung klug und kritisch zu fassen und trivialen Deformierungen unseres Berufsbildes mutig entgegen zu treten. Die ärztliche Behandlung kranker Menschen ist keine Castingshow, die nach Einschaltquoten schielt. Wir Ärzte sollten die absehbaren Risiken und Nebenwirkungen für die Bevölkerung genauso engagiert diskutieren, wie wir uns z.B. in Fragen von Sterbehilfe, Tabakkonsum und krankmachenden Tendenzen unserer modernen Lebenswelt beraten und gegenüber der Gesellschaft unmissverständlich zu Wort melden.

Verfasser/in:
Dr. Axel Brunngraber
Hausarzt
Mitglied der Vertreterversammlung der KVN, Hannover



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