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aktualisiert am: 15.04.2017

 

  Neue Medien

Krank gegoogelt – Und was sagt der Doc dazu?


 


Das "Deutsche Ärzteblatt" widmete sich in der Nummer Vier des laufenden Jahrgangs dem Thema "Gesundheit im Internet: Krank gegoogelt" (S. A-382). Die Autorin Kathrin Gießelmann stellt fest, dass immer mehr Menschen das Internet zum Thema Gesundheit konsultieren, auch um für das Gespräch mit dem Arzt gut vorbereitet zu sein. Sie rät Ärzten, eine eigens recherchierte Liste mit vertrauenswürdigen Links vorzuhalten, die Patienten zu Beginn des Gesprächs zu fragen, ob und wo sie sich informiert haben und die Recherchearbeit der Patienten wertzuschätzen. Raimund Dehmlow hat für das niedersächsische ärzteblatt einige niedersächsische Ärztinnen und Ärzte nach ihren Strategien befragt.

Gehen Sie in Ihrer Praxis ähnlich vor oder haben Sie andere Strategien im Umgang mit derart informell "präparierten" Patientinnen und Patienten?

Dr. med. Anja Fröhlich, Internistin in Hannover: "In der Tat kommen mehr und mehr Menschen mit mehr oder weniger gut recherchiertem Vorwissen in die Beratung. Gern wird schon vor Reiseberatungen gegoogelt, auch vor Beratungen zwecks Erstellung von Patientenverfügungen. Im medizinischen Bereich schauen die Patienten gern nach verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten, nach Nebenwirkungen von Therapien und ähnlichem. Oft wissen sie, dass nicht alles im Internet Geschriebene für bare Münze zu nehmen ist und nehmen diese Einschränkung schon mal vorweg."

Jens Wagenknecht, Allgemeinmediziner in Varel: "Wir haben keine Linkliste, die wir Patienten empfehlen. Ich selbst nutze Google-Bilder gerne in der Beratung der Patienten, um Befunde zu erklären oder zu demonstrieren. Vorinformierte Patienten bestärke ich durchaus darin, sich auch zukünftig über die eigenen Beschwerden zu informieren. Viele Patientenbeschwerden benötigen ja eigentlich keine ärztliche Beratung, sondern gesunden Menschenverstand, Beispiel: ´Mein Husten ist nur zuhause schlimm, draußen huste ich nie!´ Daraus das Therapeutikum ´Fenster nachts auf, nicht im Ofen verseuchten Wohnzimmer aufhalten!´ abzuleiten, kommt unseren Patienten oft nicht in den Sinn. Lieber werden in der Apotheke um die 30 Euro für Schleimlöser, Hustenstiller und pflanzliches Immunstärkungsmittel ausgegeben, wenn das nix bringt, dann soll es der Arzt mit dem Hammer (Antibiotikum) richten."

Dr. med. Katja Altevogt, Gynäkologin in Hannover: "Diese Patientinnen begegnen uns täglich in der Praxis. Für die Recherchen ein offenes Ohr zu haben erscheint mir unerlässlich, egal ob es die junge Patientin mit Fragen der Verhütung, die schwangere Patientin mit Fragen und Sorgen rund um die Schwangerschaft oder auch die Krebspatientin mit all ihren Fragen ist. Um mit der Patientin einen guten Informationsaustausch zu erzielen, sollte man immer auch das ´Potenzial´ Internet kennen und ganz offen ansprechen."

Dr. med. Andreas Lueg, Internist in Hameln: "Viele Patienten sind angesichts der gelieferten Informationen erst einmal hilflos. Wichtig ist für den Arzt, ruhig danach zu fragen, welche Informationen sich der Patient herausgesucht hat, auf welcher Seite etwas gefunden wurde. Ich höre dann oft: ´Ich habe mir schon gedacht, dass Sie darüber Bescheid wissen.´ Wir sollten klar sagen, wenn etwas nicht stimmt. Außerdem können ja durchaus mehrere Ansichten richtig sein und was heute falsch ist, war womöglich vor drei Tagen noch richtig. Ich bin sehr dafür, dass wir Ärzte die Patienten auf valide Informationen im Internet hinweisen und für eine Kultur des Zeigens. Ich finde es schade, dass es bisher nicht gelungen ist, seitens der Ärzteschaft in größerem Umfang qualitätsgesicherte Informationen zu liefern. Wenn es um die Vertrauenswürdigkeit von Internetseiten geht, weise ich auch immer darauf hin, ruhig mal nach dem Impressum zu gucken."

Im Beitrag von K. Gießelmann wird auch eine Patienten-Typologie vorgestellt:
- Der Schweigsame will die Autorität des Arztes nicht infrage stellen.
- Der Besserwisser wünscht sich für sein Wissen Anerkennung.
- Der Cyberchonder hat unbegründete Angst vor Krankheiten.

Deckt sich die vorgestellte Typologie mit Ihren Erfahrungen oder haben Sie eine andere Einschätzung? Wie schätzen Sie die gegebenen Tipps ein?

Dr. Fröhlich: "Recht selten erleben wir den ´Schweigsamen´. Das mag daran liegen, dass sich die Leute zum Teil nicht outen und nur im Stillen das beim Arzt Gehörte mit dem Ergoogelten vergleichen. Hier wäre es sicherlich sinnvoll, öfter mal nachzufragen, ob und gegebenenfalls woher schon Vorabinformationen bestehen, was wir aus Zeitgründen aber oft nicht machen. Regelmäßig sind wir mit den ´Besserwissern´ und den Verängstigten konfrontiert. Hier sind die Ratschläge der Autorin sicherlich wertvoll. Es ist immer gut zu versuchen, den Gesprächspartner ernst zu nehmen und ihn an dem Punkt abzuholen, an dem er sich gerade befindet. Wertschätzung für das bereits Herausgefundene ist die Basis eines vertrauensvollen Gesprächs, in dem man dann auch Ergänzungen und sogar Richtigstellungen vermitteln kann. Man darf dem Patienten niemals das Gefühl geben, überlegen oder schlauer zu sein. Offene Formulierungen und Fragen sind sowieso immer gute Methoden, um ein Gespräch zu guten Ergebnissen zu bringen. Bei den Ängstlichen reicht es oft schon aus, sich die Sorgen und Ängste anzuhören und dann möglichst gut begründet zu zerstreuen. Sie sind in der Regel dankbar, wenn ein Fachkundiger die Informationen in wichtig und unwichtig sortiert und richtig einordnet. Verweise auf sinnvolle Links können hier ergänzend eine Hilfe sein. Insgesamt kann ich also die von der Autorin getätigten Aussagen eigentlich nur unterstreichen. Letztlich bleibt das Wichtigste immer noch das vertrauensvolle Arzt-Patienten-Verhältnis. Der Patient muss sicher sein können, dass der Arzt seine Ratschläge nach bestem medizinischen Wissen gibt und nur seinem Gewissen verpflichtet ist. Der Ratschlag des Arztes muss unbeeinflusst von monetären oder gesetzgeberischen Zwängen sein."

Wagenknecht: "Die Typologie ist nachvollziehbar, viel Arbeit macht der ´Besorgte Typ´ - ich würde ihn nicht Cyberchonder nennen - er braucht viel Beratung und Untersuchung. Schwierigkeiten macht uns oft die Nachfrage nach umfangreicher Labordiagnostik - gestützt auf Auskünfte in Internetplattformen, die im Hintergrund auf Labore zurückgehen, deren Existenz abgesichert werden soll."

Dr. Lueg: "Der Einteilung stimme ich zwar zu, gebe aber zu bedenken, dass es viele Menschen gibt, die ohne weiteres keiner der genannten Gruppen zugeordnet werden können. Außerdem ist keine der Typen wirklich positiv besetzt. Die Patienten wollen uns mit ihrer Recherche nicht ärgern. Sie suchen aus den verschiedensten Gründen nach Informationen, vor allem aber benötigen sie unseren persönlichen ärztlichen Rat!"

Verfasser/in:
Raimund Dehmlow
Online-Redaktion der Ärztekammer Niedersachsen
Berliner Allee 20, 30175 Hannover
raimund.dehmlow@aekn.de


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