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nä 04/2017
aktualisiert am: 15.04.2017

 

  Humanitäre Hilfe

Nachhaltige Erfolgsmodelle aus Niedersachsen

Akademische Kooperationen im Anschluss an Humanitäre Hilfsprogramme in Ländern der Dritten Welt


 


Besonders in Ländern Afrikas, des Mittleren Ostens und Asiens wurde in den letzten Jahren vielfach medizinische Humanitäre Hilfe geleistet. Aufgrund von Kriegen, Krisen und Naturkatastrophen waren dort die medizinische Versorgung und die Ausbildung von medizinischem Personal zumindest zeitweise zusammengebrochen. Zahlreiche Ärzte aus Niedersachsen waren und sind an diesen Hilfsprogrammen beteiligt, worüber das niedersächsische ärzteblatt vielfach berichtete.

Nach der Rückkehr aus einem humanitären Einsatz sind Mediziner und Pflegekräfte häufig um die Nachhaltigkeit ihrer Hilfsprogramme bemüht. Die persönliche Betroffenheit von der Not und die im Rahmen eines Hilfseinsatzes entstandenen Kontakte motivieren, nachhaltige Kooperationsprogramme zu schaffen. Dies gilt besonders für Mitarbeiter von Universitätskliniken, denn die von dort resultierenden Initiativen können aufgrund ihrer akademischen Ausrichtung besonders nachhaltig sein.

Aus den medizinischen Universitätsklinken in Hannover und Göttingen entstanden so in den letzten Jahren zahlreiche Kooperationsprogramme. Die Liste der Fachbereiche ist lang und beinhaltet die Pädiatrische Intensivmedizin, Kinderchirurgie, Kinderonkologie, Medizinische Mikrobiologie, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Herz-,Thorax-, Gefäßchirurgie, Viszeralchirurgie und viele andere. Der Erfolg dieser Programme basiert nicht nur auf persönlichem Engagement, sondern auf weiteren Faktoren, was wir anhand einiger Beispiele herausstellen wollen.

PICU - Sri Lanka


Nach dem Tsunami im Jahr 2004 beschloss der hannoversche Lions Clubs, Kindern in Sri Lanka zu helfen, von denen viele mangels intensivmedizinischer Expertise starben. In Zusammenarbeit mit der Abteilung für Kardiologie und Intensivmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erfolgte die Gründung einer pädiatrischen Intensivstation im Karapitiya Teaching Hospital. Der neu gegründete Förderverein PICU schuf die Voraussetzungen dafür, dass nach eingehender Planung der Neubau und die Ausstattung der Intensivstation 2008 gelangen. Zuvor waren singhalesische Ärztinnen und Krankenschwestern in Hannover ausgebildet worden. Teams der MHH leisten seitdem regelmäßig vor Ort Unterstützung und bilden kontinuierlich aus, auch im Rahmen des "Senior-Expert-Service", um hygienische Probleme zu lösen. Fundraising ermöglichte die Investition von 1,1 Millionen Euro, sodass die Station heute hohen Ansprüchen genügt und über sieben Beatmungsplätze verfügt. Die Nachhaltigkeit des Projekts wird gesichert, indem nur Geräte mit Wartung angeschafft und alle Entscheidungen mit dem lokalen Team abgestimmt werden. Die Station erhielt 2015 den Preis "beste Intensiveinheit Sri Lankas". Eine kontinuierliche Betreuung von Seiten der MHH ist aber weiterhin nötig, um den Ausbildungsstand zu halten und die Versorgung mit Materialien wie Desinfektionsmitteln sicherzustellen, sodass auch in Zukunft Ärzte der MHH-Kinderintensivstation bereitgestellt und entsendet werden.

Mikrobiologie der Universitätsmedizin Göttingen in Indonesien und Ghana


Den Menschen in Notregionen zuzuhören ist wichtig, um langfristige Partnerschaftsprojekte zu vereinbaren. So entstand mit Unterstützung des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) aus der Tsunami-Hilfe der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) in Banda Aceh in Indonesien ein langjähriges Weiterbildungs- und Austauschprogramm für Molekularbiologie und Tropenmedizin. Ein weiteres aus der Not entstandenes Langzeitprojekt ergab sich in Ghana. Das 5.000-Seelendorf Eikwe liegt am Atlantischen Ozean und ist Heimat des Missionskrankenhauses St. Martin de Porres. Die hohe Mortalität von Patienten mit Fieber unklarer Ursache war der Auslöser für Professor Dr. med. Uwe Groß, sich seit 1999 durch Aufbau eines Labors mit infektiologischer Betreuung vor Ort zu engagieren. Mittlerweile ist aus diesem Engagement eine Kooperationsvereinbarung mit der UMG entstanden, die auch den Austausch von Mitarbeitern und die Durchführung gemeinsamer wissenschaftlicher und klinischer Untersuchungen beinhaltet. So hat der Göttinger Anästhesiologe Dr. med. Hauke Janssen mit finanzieller Unterstützung durch die UMG fast zwölf Monate lang die Narkosen in Eikwe betreut und geholfen, die Notfallmedizin aufzubauen. Während des Ebola-Ausbruchs in Westafrika hat die UMG Schutzkleidung für das St. Martin de Porres Hospital gespendet. Mehrere Medizinstudenten der UMG tragen regelmäßig mit der Forschung für ihre Doktorarbeiten dazu bei, die Gesundheitssituation in Eikwe nachhaltig zu verbessern.

Kinderchirurgie der MHH: Teaching to Teach in Sanaa, Yemen


Das universitäre Kooperationsprojekt "Pediatric Surgery for Yemen - Teaching to Train" wurde 2003 durch den jemenitischen Chirurgen Ali Al-Gamrah initiiert. In dem notleidenden Land ohne chirurgische Versorgung für Kinder sollte eine Kinderchirurgie mit einem akademischen Ausbildungsprogramm entstehen. Die Kinderchirurgie der MHH fungierte als Partner, der DAAD förderte kontinuierlich (Förderungssumme >500.000 Euro). Seitdem gab es zahlreiche Einsätze deutscher Mitarbeiter in der Al-Sabeen-Kinderklinik in Sanaa. Jemenitische Chirurgen und Pflegepersonal wurden an der MHH und in Partnerkliniken in Kairo, Amman und Monastir weitergebildet. Das Fach Kinderchirurgie wurde an der Universität Sanaa 2013 erstmals zum Lehr- und Prüfungsfach für Studenten und Fachärzte. Die jemenitische Seite stellte 2015 ein neu ausgestattetes Hospitalgebäude mit Personal zur Verfügung, was belegt, dass das Projekt in das Gesundheitssystem des Jemen eingebunden ist und landesweit expandieren kann. Nach der Eröffnung der Klinik eskalierte der Krieg, weshalb die akademische und kurative Zusammenarbeit aus Sicherheitsgründen vorübergehend ausgesetzt ist, um bei besserer Lage wieder fortgesetzt zu werden.

Kinderchirurgische Kooperation mit Pjöngjang, Nordkorea


Die kinderchirurgische Versorgung in Nordkorea findet ausschließlich und in sehr begrenzter Weise in der Hauptstadt Pjöngjang statt. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Aufgrund von seit 1998 bestehenden Kontakten und humanitären Aktivitäten für das Komitee Cap Anamur in Nordkorea konnte Professor Dr. med. Benno Ure 2003 ein Kooperationsprogram der MHH-Kinderchirurgie mit der Universität Pjöngjang initiieren. Mehrere Pädiater und Kinderchirurgen wurden von Nordkorea für sechsmonatige Aufenthalte zur Weiterbildung an die MHH entstand. Das Programm musste aus politischen Gründen zwischenzeitlich ruhen und konnte 2014 wieder aktiviert werden. Seitdem gab es Aufenthalte von MHH-Kinderchirurgen in Pjöngjang, weitere sind vorgesehen. Ohne die Ko-Finanzierung durch das Komitee Cap Anamur wäre das Projekt nicht realisierbar gewesen.

Gemeinsamkeiten der Programme


Den unterschiedlichen Programmen ist nicht nur das außerordentliche Engagement einzelner Mitarbeiter gemeinsam, die sich freiwillig und nicht im Sinne der Erfüllung einer Dienstaufgabe einsetzen. Erkennbar ist auch eine zunehmende Unterstützung durch die jeweilige Klinikleitung und auch den Krankenhausträger. Hier hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden, denn vor einigen Jahren war es noch undenkbar, dass mehrwöchige Einsätze voll oder teilweise als Dienstzeit gewertet werden. Die UMG hat sich auch finanziell engagiert. Diese Unterstützungen haben wesentlich zur Nachhaltigkeit der Hilfsprogramme beigetragen.

Erfreulich ist zudem, dass Humanitäre Hilfe von Abteilungsleitern und Kollegen nicht mehr als Karriereknick und Abwendung vom akademischen Engagement aufgefasst wird. Für die Ärztekammern gibt es nun Handlungsbedarf im Hinblick auf die Anerkennung von Einsatzzeiten für die Weiterbildung. Diese ist bundesweit nicht einheitlich geregelt, sollte aber besonders für akademische Ausbildungsprogramme eingeführt werden.

Wichtige Voraussetzung für den Erfolg ist stets die Sicherung der Finanzierung. Die Initiatoren der dargestellten Programme waren bei unterschiedlichsten Geldgebern erfolgreich (DAAD, Nichtregierungsorganisationen, private Spender et cetera), was große Zuversicht für zukünftige Aktivitäten macht.

Eine professionelle Begleitung der Projekte im Sinne einer Qualitätssicherung durch Institutionen mit Erfahrung in der Entwicklungshilfe findet bisher kaum statt. Trotzdem sind die nachhaltigen Erfolge der Universitätskooperationen eklatant. Neben der Hebung des Niveaus der lokalen medizinischen Versorgung und der Etablierung von lokaler Aus- und Weiterbildung ist auch der individuelle Erfahrungsgewinn professioneller und sozialer Art zu nennen. Die persönlichen Langzeitbeziehungen und Freundschaften können nicht zuletzt essenziell zur bilateralen Verständigung beitragen.

Die Erfahrungen und Erfolge aus Niedersachsen belegen, dass sich individueller Einsatz lohnt und zunehmend Unterstützung aus niedersächsischen Universitätskliniken und durch die Ärztekammer findet. Das macht Mut für die Zukunft.

Verfasser/in:
Professor Dr. med. Benno Ure
Direktor des Zentrums Kinderchirurgie Hannover

ure.benno@mh-hannover.de
Prof. Dr. med. Uwe Groß
Universitätsmedizin Göttingen, Institut für Medizinische Mikrobiologie und Göttingen International H
Kreuzbergring 57, 37075 Göttingen
ugross@gwdg.de
Prof. Dr. med. Hermann Haller
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover

Dr. med. Thomas Jack
Pädiatrische Kardiologie und Intensivmedizin, MHH


Claus Petersen
Kinderchirurgische Klinik, MHH




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