07/2001

PRO Anonyme Geburt


U. Böhme
 
 

CONTRA Anonyme Geburt


K. Scholz
 
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Man kann beim derzeitigen Stand der Diskussion um die anonyme Geburt einen Beitrag fast nur noch in Form eines Essay präsentieren, d.h. eher nach Fragen als nach Lösungen suchen. So will ich den "Versuch" (engl. essay) wagen.
Es gibt bei den Befürwortern und Gegnern der anonymen Geburt Argumente von hohem moralischem Wert. So führen z.B. die Wissenschaftler, die sich mit den Lebensläufen und Problemen Adoptierter befassen, die anonym geboren wurden und ohne Kenntnis ihrer Wurzeln leben müssen, das Beispiel Frankreichs an. Dort gibt es die anonyme Geburt seit über 50 Jahren. Die Zahl der Geburten, die unter diesem Signum ablaufen, beträgt immer noch mehrere hundert pro Jahr. Die Kinder aus den letzten Jahrzehnten sind inzwischen erwachsen geworden und demonstrieren für ihr Recht auf Kenntnis ihrer Herkunft. Im deutschen Grundgesetz dagegen ist dieses Recht verankert und ein wesentlicher Hinderungsgrund für das Angebot der anonymen Geburt.
Frau Prof. Swientek, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Hannover, gilt als eine der prominentesten Gegnerinnen von Babyklappen und anonymer Geburt. Auf der einen Seite bestreitet sie die genannten und geschätzten Zahlen zu lebend oder tot aufgefundenen ausgesetzten Neugeborenen und rechnet auf der anderen Seite spekulativ hoch, daß das erwähnte Angebot für Frauen, die durch eine Schwangerschaft in exzessive Not geraten und diese bis zur Geburt verheimlichen können, 1000 Kinder zur Befriedigung des "ausgehungerten Adoptionsmarktes produzieren" würde. Mit diesem willkürlichen Vergleich decouvriert sich die Autorin selbst als polemisch.
Seit der Einrichtung des "Babykörbchens" im Friederikenstift Hannover im März diesen Jahres ist deutlich geworden, daß dieses Signal im Rahmen des Netzwerks "Mirjam" bei den Betroffenen angekommen ist.
Das Babykörbchen ist bisher, wie erhofft, ungenutzt, die Frauen vertrauen sich mit ihren überproportionalen Nöten vorher dem Netzwerk-Angebot an. Unvorstellbare Problemfelder eröffnen sich den Helfern, Ärzten und Hebammen. In etlichen Fällen haben sich die betroffenen Frauen nach anfänglich verstockt vorgetragenem Wunsch nach Anonymität immer mehr geöffnet, nachdem sie merkten, daß ihnen eine große Hilfsbereitschaft geschenkt wurde.

Kontrapunkt:
Das Neugeborene der 17-jährigen Schülerin im Kleiderschrank ihres Kinderzimmers war tot. Hebamme und Ärztin, die in ihrer Erschrockenheit eigentlich unerlaubt ihren Arbeitsplatz in der Klinik verlassen hatten, um dieses Neugeborene zu holen, hatten die alleinerziehende Mutter der jungen Patientin stürmisch aus dem Schlaf geklingelt. Das Entsetzen der drei Frauen bei der Betrachtung des leblosen Neugeborenen war groß. Die 17-jährige hatte nach der Geburt in ihrem Kinderzimmer die Wohnung verlassen, weil sie sich mit ungewöhnlich starken Nachblutungen hilflos in einer lebensgefährdenden Situation wähnte. Auch jetzt wollte sie ihrer Mutter die Schwangerschaft und Geburt verschweigen. In der Klinik stellte die Ärztin den postpartalen Zustand sofort fest und nach anfänglichem Leugnen brach der verzweifelte Widerstand des jungen Mädchens zusammen. "Wo ist das Kind?" "In meinem Zimmer."
Die junge Kindsmutter wurde wegen Kindstötung angeklagt. Der gerichtsmedizinische Gutachter bestätigte, daß das Kind "erwürgt" worden sei.
Der Richter erlag der insinuativen Wirkung des überraschten Ausrufs des sachverständigen Zeugen: "Was glauben Sie denn, wie sich eine Frau verhält, die ohne Beistand ein Kind unter der Geburt 'herausziehen' muß und welche Spuren das hinterläßt?"
Das Mädchen wurde freigesprochen.

Das "Babykörbchen" kann nur eine allerletzte Hilfe sein, um zu verhindern, daß Neugeborene womöglich auf unmenschliche Art und Weise "entsorgt" werden ein extremes Hilfsangebot für eine extreme Situation. Das letzte Auffangnetz muß das Angebot der "anonymen Entbindung" in einer ordentlichen geburtshilflichen Umgebung sein. Hierzu müssen politische Entscheidungen für Regelungen getroffen werden, die verhindern, daß verzweifelte Schwangere und Helfer zu Tätern werden.
Der Respekt vor der Würde dieser in große Not geratenen Schwangeren gebietet es gerade in einer Zeit, in der auf höchster Ebene über die Schutzwürdigkeit von in vitro befruchteten Eizellen diskutiert wird und in der man den Abbruch in vivo befindlicher gesunder Embryonen zuläßt, einen energischen Schritt in eine humane Richtung zu tun.
Es geht nicht an, daß Frauen, die sich für den Fortbestand ihrer Schwangerschaft entschieden haben, in eine größere Notsituation geraten als jene, die sich zum Abbruch entschließen. Wir wissen, daß Frauen durch eine Geburt in eine für sie unkalkulierbar gewordene Notsituation geraten können. Dann muß es ein Netz geben, daß sie vor strafrechtlicher oder finanzieller Verfolgung schützt. Hierzu muß das Prinzip anonyme Geburt etabliert werden. Eine Situation, die einer verzweifelten Frau aus ihrer Sicht nur die Möglichkeit läßt, ihr Neugeborenes zu töten, ist mit Sicherheit belastender als das Fehlen der Kenntnis der eigenen Herkunft dieses Kindes.

Von Martin Luther King stammt der Ausspruch "Kein Problem wird gelöst, wenn wir träge darauf warten, daß Gott allein sich darum kümmert."
Also, tun wir was!

Wer einen Wanderurlaub auf Teneriffa verlebt, der macht vielleicht mit einem Bergführer in La Orotava Station. Stolz wird er einem eine Mühle zeigen, in der das traditionelle Gofio hergestellt wird. Etwas verlegener ist er aber in einem ehemaligen Kloster: "Ist Ihnen an der Tür etwas aufgefallen? Das war früher eine Babyklappe."

Von der neuen Diskussion in Deutschland weiß er nichts. Und auch nicht recht, warum es diese Klappe irgendwann nicht mehr gab. Und bei uns? Hatte "die Kirche" bis jetzt nicht den Mut dazu? Immerhin war unsere Gesellschaft jahrelang durch die § 218-Diskussion geprägt (und gefangen), bis Vertreterinnen "des dritten Weges" im Bundestag zweimal Stimmen für eine Mehrheitsentscheidung erkämpften und durch das Bundesverfassungsgericht bestätigt wurden.

Es zeichnet sich ab, daß sich auch bei der anonymen Geburt Frauen wie Landesbischöfin Käßmann und die Landesministerinnen Trauernicht (SPD - Niedersachsen) und Mosieck-Urbahn (CDU - Hessen) zusammenfinden, um rechtliche und gesellschaftliche Hürden zu überwinden. Dennoch bin ich dieses Mal skeptischer, ob es einen rechtlich haltbaren, vermittelnden Weg gibt. Die verfassungsrechtliche Meßlatte liegt sehr hoch.

Erinnern wir uns: Die Schwangere ist rechtlich verpflichtet, ihr Kind auszutragen; der Schwangerschaftsabbruch bleibt daher rechtswidrig. Es wird aber akzeptiert, daß es der Frau im Einzelfall nicht zumutbar ist, dieser Rechtspflicht nachzukommen. Allerdings muß sie sich zuvor beraten lassen.

Wie das Ungeborene mithin ein eigenes Lebensrecht hat, hat der Geborene ein Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung. So heißt es in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts: "Art. 2 Abs. 1 GG i.V. mit Art. 1 Abs. 1 GG sichert dem einzelnen einen autonomen Bereich privater Lebensgestaltung, in dem er seine Individualität entwickeln und wahren kann. Zu den Elementen, die für die Entfaltung der Persönlichkeit von entscheidender Bedeutung sein können, gehört die Kenntnis der eigenen Abstammung. Der Bezug zu den Vorfahren kann im Bewußtsein des einzelnen eine Schlüsselstellung für sein Selbstverständnis und seine Stellung in der Gemeinschaft einnehmen. Die Kenntnis der Herkunft kann wichtige Anknüpfungspunkte für das Verständnis des familiären Zusammenhangs und für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit geben. Die Unmöglichkeit, die eigene Abstammung zu klären, kann den einzelnen erheblich belasten und verunsichern. Daher umfaßt das Persönlichkeitsrecht das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung."

Nun stellt das Gericht zutreffend fest, daß dieses Recht nicht schrankenlos ist, sondern die Wahrung des Familienfriedens oder die Erhaltung einer bestehenden Ehe dem entgegenstehen kann. Auch gibt es kein Recht auf Verschaffung der Kenntnis der eigenen Abstammung. Geschützt wird man jedoch vor der Vorenthaltung erlangbarer Informationen durch staatliche Organe, und der Gesetzgeber hat auch eine Pflicht, ein Schutzkonzept zu erlassen, das es dem Kind ermöglicht, sein Persönlichkeitsrecht zu verwirklichen. Bei dessen Ausgestaltung ist er jedoch weitgehend frei.
Daraus wird man ableiten müssen, daß Universitätskliniken und Krankenhäuser in kommunaler Trägerschaft zumindest solange keine anonymen Geburten zulassen dürfen, bis ein verbessertes Schutzkonzept erkennbar ist. Doch wie sollte ein solches Konzept aussehen? Ein Hilfe bietendes Netzwerk wie Mirjam gehört zumindest dazu. Kann man aber auch hier eine Pflichtberatung verlangen nach oder besser (?) vor der Geburt? Würde es den Druck von den Müttern nehmen, wenn ihr Name nicht an das Standesamt aber doch an den Landesbeauftragten für den Datenschutz weitergegeben wird und erst bei Volljährigkeit offenbart wird?

Doch auch das erscheint fraglich: Besteht nicht bei einer so verstandenen "anonymen" Geburt die Angst fort, daß später eine Klage auf Herausgabe des Namens erfolgreich ist und man als "Rabenmutter" doch noch stigmatisiert wird? Wie soll Vertrauen entstehen, wenn das OLG Hamm nach elf Jahren Prozeßdauer im Januar diesen Jahres urteilt: "Die Verpflichtung der Mutter, ihrem nicht ehelichen Kind Auskunft über die als Erzeuger in Betracht kommenden Männer zu erteilen, kann nach § 888 ZPO durch Zwangsgeldfestsetzung vollstreckt werden."?

Diesen Konflikt können wir der Mutter aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht nehmen. Deshalb sollten wir erst darüber streiten, wie wir den Müttern besser helfen können und wie wir unsere Gesellschaft kinderfreundlicher machen können. Erst dann besteht die Legitimation, über die nicht nur bis zur Volljährigkeit ? - anonyme Geburt als ultima ratio zu debattieren. Landesbischöfin Käßmann hat das getan viele Politiker(innen) nicht.
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Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 05.07.2001.

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