05/2001

PRO IGEL-Leistungen


L. Krimmelt
 
 

CONTRA IGEL-Leistungen


J. Niemann
 
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Daß auch drei Jahre nach Etablierung der Systematik Individueller Gesundheitsleistungen durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung noch "Kontra-Positionen" eingenommen werden, hat einen klaren Grund: Die Krankenkassen wollen nicht akzeptieren, daß ihr Monopol für die Definition von Gesundheitsleistungen faktisch beendet ist.

Die Kassen erkennen insbesondere den Zusammenbruch ihrer bislang blendend funktionierenden Strategie, auf die Selbstausbeutung der Kassenärzte zu setzen und sowohl einen unbegrenzten ärztlichen Service als auch neue ärztliche Leistungen bei budgetiertem Gesamthonorar praktisch zum Nulltarif zu erhalten. Deswegen sind sie im Abwehrkampf nicht gerade zimperlich, wenn sie etwa den PSA-Test zur Krebsfrüherkennung als "gefährliche Leistung" verunglimpfen, die von Männern gewünschte Glatzenbehandlung als "Schrottleistung" diffamieren oder bei der Glaukom-Vorsorge trotz jahrelanger Ablehnung im Bundesausschuß frechweg behaupten, diese sei doch schon immer Kassenleistung gewesen. Mit derartigen Kampagnen zur gezielten Täuschung der Patienten sind die Krankenkassen zwischenzeitlich zu einer ernsten Gefahr für den Verbraucherschutz in der Medizin geworden.

Mit der Einführung der ersten IGEL-Zusatzversicherungen wie dem Tarif OPTIMED der DKV dürfte diese Strategie zunehmend weniger verfangen. Jetzt werden nämlich auch von großen privaten Krankenversicherungen zum Beispiel sowohl der PSA-Test als auch die Glaukom-Früherkennung als wichtige Vorsorgeleistungen außerhalb der Kassenmedizin definiert.

Auf den ersten Blick verwundert es, daß auch manche Kassenärzte zu den IGEL-Gegnern gehören. Doch ein Blick auf die ärztliche Psyche hilft hier weiter: Rund 50 Prozent der Kassenärzte sind aufgrund ihrer spezifischen Sozialisation einfach nicht in der Lage, selbst hochwertige IGEL-Leistungen in der Praxis anzubieten. Den meisten dieser Ärzte fehlen darüber hinaus jegliche Fähigkeiten zum aktiven Marketing, weil sie dies trotz faktischer Unternehmer-Eigenschaft nie gelernt haben. Daher trennt der IGEL-Ansatz die Kassenärzte in zwei Lager: Diejenigen, die Selbstzahler-Leistungen in der Praxis erfolgreich anbieten, und diejenigen, die dies nicht können.

Eines wird allerdings künftig in keinem Fall mehr toleriert werden können, nämlich die Abrechnung eindeutiger Individueller Gesundheitsleistungen auf Chipkarte. Abgesehen davon, daß über den damit induzierten Punktwertverfall den Kollegen schwer geschadet wird, handelt es sich auch um Abrechnungsbetrug, der von den KVen konsequent verfolgt werden muß. Darüber hinaus stellt die bewußte Abrechnung von IGEL-Leistungen auf Chipkarte auch eine schwerwiegende Form des unlauteren Wettbewerbs dar, der die Wettbewerbskammern der Landgerichte künftig verstärkt beschäftigen wird.

Zusammenfassend kann die zunehmende Verbreitung von IGEL-Angeboten nur positiv gesehen werden:

• Die gesetzlichen Krankenkassen werden finanziell entlastet und sichern ihre Zukunft.
• Der Gesundheitsmarkt kann wachsen und sein Beschäftigungspotenzial entfalten, ohne auf die Beitragssätze durchzuschlagen.
• Die Gesundheitskunden können die Chancen einer Optimierten Individualmedizin nutzen, die ihnen in der budgetierten Kassenmedizin vorenthalten werden.
• Neue und attraktive Gesundheitsleistungen werden angeboten, die wegen fehlender Bezahlung im Kollektivsystem untergegangen wären.
• Die Ärzteschaft besetzt aktiv den Gesundheitsmarkt mit qualitativ hochstehenden Leistungen und verhindert damit dubiose Angebote von para- und pseudomedizinischen Anbietern.

Daher kann es aus heutiger Sicht bei den Individuellen Gesundheitsleistungen nicht mehr um das "Ob", sondern nur noch um das "Wie" gehen. Den Ärzten müssen vor allem qualifizierte Schulungen zur Erschließung der Potenziale des privaten Gesundheitsmarkts angeboten werden. Dabei sind medizinische, betriebswirtschaftliche und Marketing-bezogene Inhalte gleichrangig zu gewichten.

Von besonderer Bedeutung für die erfolgreiche Verbreitung Individueller Gesundheitsleistungen ist schließlich die Garantie einer fairen und vertrauenswürdigen Privatmedizin. Der kassenfreie Raum des privaten Gesundheitsmarktes benötigt Regulative, die dies zum Schutz der Patienten und Gesundheitskunden sicherstellen. Bereits heute übernehmen bestimmte Praxisverbünde eine solche Garantenfunktion. Dies könnte aber auch eine wichtige Zukunfts-Aufgabe für die Ärztekammern sein.
Im März 1998 veröffentlichte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ihr Konzept der Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL). Danach sollen Ärzte gegen private Bezahlung Leistungen anbieten, die
• "nicht zum Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung gehören",

• dennoch "von Patienten nachgefragt" werden und
• "ärztlich empfehlenswert" oder "zumindest ärztlich vertretbar" sind.

Neue Abgrenzung überflüssig

Die Kritik von Krankenkassen und auch aus den Reihen der Ärzte richtete sich keinesfalls gegen die klare Definition von Leistungen, für die die Solidargemeinschaft der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nicht zuständig ist. Schließlich gibt es diese Abgrenzung etwa bei Sport-Eignungsuntersuchungen oder Kontaktlinsenversorgung ohne Indikation schon seit langem. Dafür ist der IGeL-Katalog schlicht unnötig. Die Ablehnung bezieht sich vielmehr darauf, daß Ärzte durch das Konzept zu Verkäufern zweifelhafter oder unnötiger medizinischer Leistungen werden.

IGEL stellt Grundkonsens in Frage

Mit dem IGeL-Konzept verläßt die KBV den Grundkonsens der Selbstverwaltung, nach dem es in der gemeinsamen Verantwortung von Ärzteschaft und Krankenkassen liegt, alle medizinisch notwendigen und sinnvollen Leistungen im GKV-Leistungskatalog festzulegen und damit allen Patienten zugänglich zu machen. Diese Aufgabe hat der Gesetzgeber bewußt dem Bundesausschuß von Ärzten und Krankenkassen übertragen.

Nach dem IGeL-Katalog sollen Ärzte nunmehr aber auch Leistungen anbieten, die - wie die Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie nach Ardenne - vom Bundesausschuß mangels diagnostischen und/oder therapeutischen Nutzens ausdrücklich nicht anerkannt wurden. Somit konterkariert das Konzept Anspruch und Arbeit der gemeinsamen Selbstverwaltung.

Fragwürdige Leistungen

Bei anderen IGeL-Leistungen droht der Schaden den Nutzen zu überwiegen. Der Bundesausschuß hat in diesen Fällen die Indikation bewußt eng gefaßt, weil die Maßnahmen nur unter bestimmten Voraussetzungen sinnvoll sind. Das IGeL-Konzept aber führt zu einer ökonomisch motivierten Ausweitung der Indikationsstellung ohne medizinische Plausibilität. Beispielsweise gehört der PSA-Test wegen seiner Unzuverlässigkeit nicht zu den von den Vertragspartnern vereinbarten Früherkennungsleistungen. Es besteht die Gefahr, daß gesunde Patienten durch eine falsche Krebs-Diagnose hochgradig verunsichert werden.

Abwertung der GKV-Katalogs

Indem den Patienten mit IGeL-Leistungen ein vermeintlich "besonderes Angebot" gemacht wird, das "nicht von den Kassen übernommen werden kann", entsteht ein völlig falscher Eindruck. Die von den Vertragspartnern gemeinsam als sinnvoll und wirksam angesehen Behandlungsmethoden des GKV-Leistungskatalogs werden als "einfacher Standard" diskreditiert. Umgekehrt erscheint ungesichertes, nicht evidenzbasiertiertes, also zweifelhaftes ärztlichen Handeln als Medizin von höherer Güte. Unsinniges wird aber auch durch Privatliquidation nicht sinnvoller.
Patienten verlieren Vertrauen
Durch den IGeL-Katalog wandelt sich die Rolle des Arztes vom unabhängigen Heilkundigen zum Verkäufer fragwürdiger Leistungen. Dabei ist gerade das Vertrauen der Patienten Voraussetzung für den therapeutischen Erfolg, und bislang gilt die medizinische Empfehlung des behandelnden Arztes im Patientengespräch meist noch als entscheidend. Das dürfte sich ändern, wenn die Patienten zunehmend den Eindruck gewinnen müßten, daß ihnen ihr Arzt Leistungen nicht aus medizinischen Gründen, sondern aus ökonomischem Eigeninteresse empfiehlt. Höchst problematisch ist es, wenn etwa in einer Patienten-Information zur Glaukom-Früherkennung zunächst die Gefahr der Erblindung beschrieben ist, um den Patienten sodann eine schriftliche Entscheidung mit folgendem Hinweis abzuverlangen: "Sie übernehmen damit auch ggf. die Verantwortung für eine nicht rechtzeitig erkannte Erkrankung."

Ohne Frage hat jede Berufsgruppe das Recht, Strategien zur Einkommenssicherung zu entwickeln. Wenn Ärzte aber aus finanziellem Interesse und unter Ausnutzung ihrer Autorität medizinisch Unnötiges fördern oder gar gesundheitsgefährdende Überdiagnostik provozieren, setzen sie ihr hohes Ansehen aufs Spiel.

Gemeinsame Verantwortung

Es bleibt Aufgabe der Selbstverwaltung von Ärzteschaft und Krankenkassen, jedermann die medizinisch gebotene Behandlung zukommen zu lassen. Dazu muß gemeinsam und nach bestem Wissen bestimmt werden, welche Leistungen sinnvoll sind und wie der GKV-Leistungskatalog weiterentwickelt werden kann. Wer hingegen in der vertragsärztlichen Praxis auf den Verkauf zweifelhafter Leistungen setzt, verabschiedet sich vom bisherigen Selbstverständnis ärztlichen Handelns und der Gemeinsamkeit der Vertragspartner.

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Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 14.05.2001.

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