02/2001

PRO Pränatale undPräimplantationsdiagnostik


K.-F. Sewing
 
 

CONTRA Pränatale undPräimplantationsdiagnostik


W. Wodarg
 
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Die vorgeburtliche Diagnostik (Pränataldiagnostik = PND) ist aus der Mutterschaftsvorsorge nicht mehr wegzudenken. Sie setzt u.a. auch Methoden ein, die genetisch bedingte Störungen der kindlichen Entwicklung erkennen können. Über 50 Prozent der Frauen, bei denen ein erhöhtes Risiko für eine genetisch bedingte Erkrankung des zukünftigen Kindes vorliegt, gehen eine Schwangerschaft bewußt im Vertrauen auf die Chance ein, nach einem belastenden Ergebnis in der Pränataldiagnostik die Schwangerschaft abbrechen zu können (Schwangerschaft auf Probe).
Die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft haben es ermöglicht, bereits bei einem im Reagenzglas gezeugten Embryo festzustellen, ob die Anlage einer monogenetisch bedingten Erkrankung besteht (Präimplantationsdiagnostik = PID). Dadurch ist es möglich, Paaren mit einer hochrisikoreichen genetischen Belastung die Chancen zu verbessern oder gar erst zu geben, ein gesundes Kind zu bekommen. So wird den davon betroffenen Frauen eine Schwangerschaft auf Probe erspart, bei der bei einem belastenden Ergebnis in der PND die Frau in den überwiegenden Fällen von ihrem Selbstbestimmungsrecht Gebrauch macht und sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet. Damit ist die PID eine präventive und nicht eine eugenische Maßnahme. Das Lebensrecht von Behinderten wird durch die PID an keiner Stelle berührt oder gar in Frage gestellt.
Die PID ist in zehn Ländern der Europäischen Union legalisiert und wird dort angewendet. Daß bei Anwendung dieses Verfahrens der um Rat gebetene Arzt ebenso wie die ratsuchende Mutter bzw. das ratsuchende Paar in eine Konfliktsituation geraten, ist unübersehbar, weil damit zu rechnen ist, daß "belastete" Embryonen nicht transferiert werden, sofern daraus eine praktisch nicht lösbare gesundheitsschädigende Situation für die Mutter bzw. das Paar resultiert. Damit stellt sich die Frage nach der Vereinbarkeit dieser Konsequenz mit dem Embryonenschutzgesetz (ESchG), das die Befruchtung einer Eizelle zu einem anderen Zweck als zur Herstellung einer Schwangerschaft verbietet. Ohne eine angestrebte Schwangerschaft wird sich keine Frau der nicht gerade angenehmen Vorbereitung einer in vitro Fertilisation (IVF) unterziehen, so daß die PID als intermediärer Schritt zwischen der Befruchtung der Eizelle und dem Embryonentransfer als letztem Schritt der IVF verstanden werden muß. Dabei darf die PID nach dem vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer erarbeiteten Diskussionsentwurf einer Richtlinie zur Präimplantationsdiagnostik im Einklang mit dem ESchG nur an nicht totipotenten Zellen, d.h. an solchen Zellen, aus denen bei Weiterentwicklung nicht ein gesamtes Individuum entstehen kann, durchgeführt werden. Dadurch wird auch der nach dem ESchG verbotenen reproduktiven Klonierung vorgebeugt.
Um einem immer wieder beschworenen "Dammbruch" oder einem eventuellen Mißbrauch vorzubeugen, ist eine strenge berufsrechtliche Regelung das verhältnismäßigere Mittel als ein totales PID-Verbot. Gleichermaßen ist eine restriktiv gestaltete PID sowohl im Sinne der Mutter als auch für den Schutz des Embryos (vor einer eventuellen Spätabtreibung) die angemessenere Vorgehensweise als die Schwangerschaft auf Probe mit Spätabtreibung.
Wenn ernsthaft über ein Verbot der PID unter dem Gesichtspunkt der Schutzwürdigkeit des Embryos nachgedacht wird, dann muß der Blick unweigerlich auch auf die rechtliche Bewertung des Schwangerschaftsabbruchs gemäß §§ 218 und 218a StGB gerichtet werden, wonach ein Schwangerschaftsabbruch aus medizinischer Indikation (was immer sich dahinter verbirgt) straffrei möglich ist. Wenn unter dieser Voraussetzung eine Güterabwägung zuungunsten des Lebens des Embryos möglich und erlaubt ist, dann tut sich ein ethischer und rechtlicher Wertungswiderspruch auf, wenn eine ähnlich geartete Güterabwägung in einer sehr frühen Phase der embryonalen Entwicklung nicht erlaubt und gleichzeitig strafbewehrt sein soll. Sofern der Gesetzgeber die ernsthafte Absicht hat - die er haben sollte - die große Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen in einer späten Phase zu reduzieren, kann er das durch Zulassung der PID und die Unterlassung des Transfers eines belasteten Embryos erreichen. Dabei stellt sich ohnehin die Frage, ob die Rechtfertigungsgründe für ein Verbot der PID verfassungsrechtlich gegeben sind.
In der Synopse stellt sich die PID als ein Verfahren dar, das bei gravierender genetischer elterlicher Belastung eine Schwangerschaft auf Probe zu vermeiden hilft, für dessen Verbot es keine verfassungsrechtliche Grundlage gibt und das nach Auffassung namhafter Juristen mit dem ESChG vereinbar ist.
An die einvernehmlich handelnden Personen - Arzt und Patientin - werden hohe Ansprüche gestellt, um in jedem Einzelfall - und es darf hier nur wohlbegründete Einzelfallentscheidungen geben - zu verantwortungsbewußten und ethisch abgewogenen Entscheidungen zu kommen. Eine Ethik, die den einzelnen Menschen rechtsphilosophischen Prinzipien unterordnet und ihm dadurch schadet, muß sich die Frage nach ihrer Sinnhaftigkeit stellen lassen.

Die rasanten Fortschritte der modernen Biomedizin ermöglichen in zunehmendem Maße, Elternschaft, Schwangerschaft und Geburt technisch zu kontrollieren und u beeinflussen. "Was wird aus unserem Kind?" wollen immer mehr junge Paare bereits vor der Geburt wissen. Diese Entwicklung wirft grundsätzliche ethische und moralische Fragen auf, die unser Verständnis von Gesundheit, Krankheit und Behinderung berühren und die Frage nach ihrer Vereinbarkeit mit dem verfassungsrechtlich gebotenen Schutz der Würde des Menschen stellen. Insbesondere beim Thema der Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik stellen sich dabei Fragen wie: Was ist krank? Was ist gesund? Was bedeutet die menschliche Natur und Würde im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit?

Seit der Einführung des Ultraschalls vor 30 Jahren erfährt die pränatale Vorsorge enorme Wachstumsraten. Allein die Anwendung invasiver Diagnostikmethoden ist zwischen 1990 und 1996 um fast 40 Prozent gestiegen.

Die meisten der Schwangeren-Vorsorgeuntersuchungen sind längst gängige medizinische Praxis, wobei eine eingehende ärztliche Beratung häufig unterbleibt. Gerade bei der genetischen Diagnostik wäre eine vorhergehende Aufklärung über die Aussagekraft des Tests und mögliche Handlungskonsequenzen jedoch von enormer Bedeutung.

Während es über die pränatalen Untersuchungen kaum eine breitere öffentliche Debatte gib, wird über eine in Deutschland bislang nicht praktizierte Methode heftig gestritten: die Präimplantationsdiagnostik (PID), mit der sich bei der künstlichen Befruchtung erzeugte Embryonen noch im Reagenzglas genetisch testen und aussortieren lassen. Die Bundesärztekammer (BÄK) hat im März letzten Jahres einen Diskussionsentwurf für eine PID-Richtlinie vorgelegt. Der Entwurf sieht vor, bei Paaren, für deren Nachkommen ein hohes Risiko für eine bekannte und schwerwiegende, genetisch bedingte Erkrankung besteht, diese Methode des Embryonen-Check zuzulassen. Voraussetzung sei allerdings, daß die PID erst nach Abschluß des Acht-Zell-Stadiums vorgenommen werde; ab diesem Zeitpunkt betrachtet die Wissenschaft die Zellen des Embryos als nicht mehr totipotent. Mit dieser Regelung sucht die BÄK ihren Vorschlag in Einklang mit dem deutschen Embryonenschutzgesetz zu bringen.

Die PID verschärft ohne Zweifel die durch die vorgeburtliche Diagnostik aufgeworfenen grundsätzlichen ethischen Probleme. Denn mit der Diagnose einer Behinderung entsteht die Herausforderung, ein Urteil über den Lebenswert eines Menschen zu fällen. Wenn man die PID als ethisch und rechtlich legitime Methode bejaht, dann muß man zugleich einen abgestuften Schutz des Lebens - je nach Schwere des erblichen Defekts - billigen. Doch wer entscheidet darüber, was als gesund oder als krank zu gelten hat? Eine Beschränkung der PID auf schwere monogenetische Erbleiden - wie von der BÄK gefordert - erscheint mir wenig realistisch zu sein. Denn für die einen ist das Down-Syndrom, für die anderen bereits die Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose ein Grund, die Schwangerschaft abzubrechen oder - im Falle einer PID - erst gar nicht zu beginnen.

Eine Ausweitung der Diagnostikmethoden am Embryo durch die PID kann zudem dazu führen, daß Paare mit Kinderwunsch zunehmend nicht mehr den natürlichen Weg der Fortpflanzung suchen. Die Reproduktion im Reagenzglas könnte schon bald als der überlegene Weg gelten, dem eigenen Kind die besten Startchancen mit ins Leben zu geben. Eltern, die nach wie vor das "traditionelle" Verfahren wählen, wären dann dem Vorwurf ausgesetzt, nicht alles für die "gesunde" Entwicklung ihres Kindes getan zu haben. Doch die Versprechungen der neuen Medizintechniken, physische Belastungen und Leid zu verhindern, sind - mit Blick auf die Zahlen - ohnehin absurd. Denn lediglich
5 Prozent der Schwer-Behinderungen sind angeboren; und von diesen können zur Zeit nur etwa 0,5 Prozent durch die Pränataldiagnostik erkannt werden.

Es ist abzusehen, daß die Zulassung der PID in Deutschland eugenischen Tendenzen noch weiteren Vorschub leisten würde. Schon heute fördern vorgeburtliche Untersuchungsmethoden ein gesellschaftliches Klima, in dem Abweichungen von der Norm zunehmend als "vermeidbar" betrachtet werden. Der Gentest in vitro folgt dieser Logik, denn er bedeutet Zeugung unter Vorbehalt; im Falle eines pathologischen Befundes wird der Embryo verworfen. Bei der pränatalen und Präimplantationsdiagnostik geht es also um biomedizinische Verfahren, bei denen Entscheidungen über Leben und Tod anstehen. Richtlinien eines Berufsstandes können diesem Gegenstand keineswegs gerecht werden.

Eine künftige gesetzliche Regelung müßte sicherstellen, daß pränatale genetische Untersuchungen nur dann vorgenommen werden, wenn sie der Früherkennung schwerwiegender Gesundheitsschäden des Kindes dienen, bei denen auch eine Behandlung möglich ist. Untersuchungen, die nach Fehlbildungen oder genetischen Abweichungen ohne Aussicht auf Therapie suchen, sind vom Gesetzgeber zu verbieten. Vor der Inanspruchnahme einer genetischen Diagnostik sind zudem eine umfassende ärztliche Aufklärungspflicht und eine Zustimmungspflicht der Frau nach einer Bedenkzeit dringend geboten. Auch dies sollte gesetzlich normiert und nicht dem Standesrecht überlassen werden.
Darüber hinaus besteht zwischen bereits etablierten Methoden der Pränataldiagnostik und der PID ein prinzipieller Unterschied, den es bei den Beratungen innerhalb der Enqute sowie bei einer künftigen rechtlichen Normierung ebenfalls zu beachten gilt. Ein Schwangerschaftsabbruch ist normalerweise die Abwehr eines bestehenden, für die Frau jedoch unzumutbaren Zustandes. Bei der PID dagegen wird Leben in vitro erst gezeugt und dann gezielt selektiert. Wenn Ärzte die PID anbieten, beteiligen sie sich somit erstmals daran, menschliches Leben zu erzeugen und zu vernichten. Dies wäre eine ungeheure Zäsur im Berufsethos der medizinischen Profession. Die Zulassung der PID würde eine bewußte Schwangerschaft auf Probe erstmals rechtlich legitimieren. Dies müssen wir uns vor Augen halten, wenn wir darüber diskutieren, ob künftig auch in Deutschland - wie bereits in zehn anderen Staaten Europas - der Gentest im Reagenzglas zur Anwendung kommen soll.

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Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 13.02.2001.

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