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aktualisiert am: 27.04.17
 
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project digitalis - pro & contra

Faktor x

Die Reform des Honorarsystems ließ die alte Kontroverse über die Kostenerstattung wieder aufbrechen


 

Kaum zeigen die Ärzteproteste erste Wirkung, möchten viele noch einen drauf setzen: Die Umstellung der Arzthonorare auf Behandlungspauschalen, vor wenigen Monaten noch realitätsferne Maximalforderung im Verteilungskampf, will das Bundesgesundheitsministerium mit tatkräftiger Beihilfe der KBV jetzt tatsächlich anpacken. Zu kurz gesprungen, kritisiert vor allem der Hartmannbund mit vielen weiteren Ärztebündnissen im Schlepptau. Solle man doch die Gunst der Stunde nutzen und mit der Kostenerstattung eine Reform an Haupt und Gliedern durchsetzen. Damit gerät die KBV in die Schusslinie: Gibt sie nicht die historische Chance zu einem Paradigmenwechsel im Honorarsystem aus der Hand? Oder wäre dieser Vorstoß auf den sozialpolitischen Besitzstand chancenlos? Wir lassen die Hauptprotagonisten im Meinungsstreit zu Wort kommen.

Verfasser/in:
Dr. Kuno Winn
Bundesvorsitzender Hartmannbund


Dr. Andreas Köhler
Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung




PRO     CONTRA


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Kostenerstattung pro

Dass ein Freiberufler überhaupt für ein System der Kostenerstattung kämpfen muss, ist bereits an sich ein Paradoxum. Kaum einer anderen Berufsgruppe könnte man erklären, dass erbrachte Leistungen nicht als solche anerkannt und bezahlt werden. Es liegt im Wesen der freien Berufe begründet, dass diese eine staatliche Gebührenordnung haben. Mit der GOÄ gibt es auch eine Gebührenordnung für Ärzte. Die Ärzteschaft ist jedoch die einzige Gruppe innerhalb der freien Berufe, bei der diese Gebührenordnung im Bereich der Kassenärztlichen Behandlung nicht zur Anwendung gelangt.

Daher ist die Forderung einer Kostenerstattung in Euro und Cent nicht mehr und nicht weniger als die Umsetzung der Inhalte der Freiberuflichkeit.

Klar ist: Das Sachleistungsprinzip in der GKV hat sich seit Jahrzehnten überlebt. Die niedergelassenen Ärzte erbringen seit Jahren kostenlos Leistungen in Milliardenhöhe für das GKV-System. Gebracht hat es uns in den letzten Jahren einen ruinösen Punktwertverfall mit immer niedrigeren Vergütungen, eine wachsende Unzufriedenheit der Ärzte auch mit den finanziellen Rahmenbedingungen ihrer Berufsausübung und eine Gefährdung der qualitativ hochwertigen flächendeckenden Versorgung unserer Patienten.

Insofern steht das Sachleistungsprinzip mit all seinen intransparenten und teilweise ungerechten Detailregelungen auch beispielhaft für eine nun über Jahrzehnte andauernde Drangsalierung und Entwertung des ärztlichen Berufsstandes.

Das Prinzip der Kostenerstattung mit sozial verträglicher Selbstbeteiligung bietet dem Arzt dagegen mehr Behandlungsfreiheit ohne Budgetrestriktionen und Rationierungszwänge. Es fördert unmittelbar die Einbindung des Patienten in das Therapiegeschehen, stärkt seine Eigenverantwortung und sein Kostenbewusstsein. Der Patient wird zum echten Partner des Arztes. Deshalb muss es unser Ziel sein, das Sachleistungsprinzip in der GKV durch ein flächendeckendes Kostenerstattungsprinzip mit sozial verträglicher Selbstbeteiligung abzulösen. Nur eine sozial verträglich ausgestaltete prozentuale Selbstbeteiligung der Versicherten an sämtlichen Kosten der in Anspruch genommenen Gesundheitsleistungen kann einen sinnvollen Steuerungseffekt erzielen und die Teilnahme am medizinischen Fortschritt sicher stellen. Die Kostenerstattung ist darüber hinaus ein europafähiges Vergütungsmodell. Letztendlich - und das habe ich schon angesprochen - entspricht das Kostenerstattungssystem mit Selbstbeteiligung der freiberuflichen ärztlichen Tätigkeit. Nur so wird der Arzt nicht länger zum Erfüllungsgehilfen der GKV degradiert.

Wer also vor einer Kostenerstattung als flächendeckender Lösung warnt, der muss wissen, dass er sich in dieser Kernfrage in diametralem Gegensatz zur überwältigenden Mehrheit der niedergelassenen Ärzten setzt.
- Dr. Kuno Winn -

Kostenerstattung contra

Die KBV ist nicht generell gegen Kostenerstattung. Wir sehen die Möglichkeit, dass die Wahloption der Versicherten zwischen Sachleistung und Kostenerstattung nicht nur grundsätzlich bestehen bleibt, sondern noch ausgebaut wird - und zwar ohne die derzeit geltende Befristung auf ein Jahr und zusätzlich erweitert um die Möglichkeit, Kostenerstattung auch nur für Teile des GKV-Leistungskatalogs in Anspruch zu nehmen. Auch die Wahloption des Arztes, ausschließlich im Kostenerstattungsverfahren zu arbeiten, sollte geprüft werden.

Der Umstieg auf ein alleiniges Kostenerstattungssystem würde aber weder dem Patienten noch dem Arzt helfen. Die Kostenerstattung ist derzeit gesamtgesellschaftlich nicht durchsetzbar und vom Patienten nicht gewollt. Für viele Arztpraxen wäre sie mit einem enormen bürokratischen Mehraufwand und wirtschaftlichen Risiken bis hin zur Insolvenz verbunden.

Kostenerstattung im Rahmen der GKV für alle Versicherten gibt es ja bereits seit mehr als zwei Jahren. Dabei wird der Patient als Selbstzahler zum einfachen Satz der amtlichen Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) behandelt.
Die Resonanz? Gleich ". Obwohl viele ärztliche Organisationen dafür werben, gewinnen sie kaum Patienten. So gab beispielsweise der Verband der Angestellten-Krankenkassen (VdAK) im Herbst 2005 bekannt, dass sich gerade einmal 100 000 von 23,5 Millionen Versicherten für das Kostenerstattungsmodell entschieden hatten. Vielen Versicherten scheint das Verfahren zu kompliziert zu sein, und sie wollen das Geld nicht vorschießen. Außerdem ist der Abschluss von Restkostenversicherungen unpopulär.

Diejenigen, die einen Umstieg auf ein reines System der Kostenerstattung propagieren, am besten noch mit 1,7- bis 2,3fachen Abrechnungssätzen, müssen dem Bürger ehrlich sagen, dass sie ihm erhebliche Mehrbelastungen zumuten wollen. Sie tun dies wohlweislich jedoch nicht.

Außerdem muss mit einem Forderungsausfall zwischen zehn bis 15 Prozent gerechnet werden - und das hochgerechnet auf den gesamten Praxisumsatz! Dies zeigen Erfahrungen von Branchen, die mit Direktabrechnungen arbeiten. Das Inkassorisiko stellt einen Aspekt des enormen bürokratischen Mehraufwands dar, der auf die Praxen im Falle der Kostenerstattung zukommen würde. Eine Vorahnung davon hat doch die Praxisgebühr gezeigt, eine Zuzahlung also, die in den Praxen direkt von den Patienten erhoben wird. Gemäß einer Erhebung der KBV fielen im Jahr 2004 rund 173 Millionen Bearbeitungsfälle in Sachen Praxisgebühr an. Dafür wendeten Ärzte und Psychotherapeuten rund 8,3 Millionen Stunden auf.

Die Grundlage für die Kostenerstattung ist zudem eine staatliche Gebührenordnung. Diese unterläge stärker der politischen Einflussnahme als heute der Einheitliche Bewertungsmaßstab.
- Dr. Andreas Köhler -

Bürger zahlen mehr privat

Einen immer größeren Teil der Gesundheitsausgaben finanzieren die privaten Haushalte nach Auskunft des statistischen Bundesamtes aus eigener Tasche. Dieser Teil hätte 1995 noch bei 10 Prozent der Gesundheitsausgaben insgesamt gelegen. Bis 2004 sei dieser Anteil auf 14 Prozent gestiegen. Damit haben die Bundesbürger insgesamt 32 Milliarden Euro privat für ihre Gesundheit ausgegeben, so der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Johann Hahlen. Zu den Steigerungen beigetragen hätten vor allem die Einführung der Praxisgebühr und erhöhte Zuzahlungen bei Arznei-, Heil- und Hilfsmitteln. Dagegen seien die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung zwischen 2003 und 2004 um vier Milliarden Euro gesunken. Die Gesundheitsausgaben beliefen sich 2004 auf 234 Millarden Euro, 0,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Ihr Anteil im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt beträgt 10,6 Prozent. Zum Vergleich: In den USA liegt er bei 15,3 Prozent, in der Schweiz bei 11,6 Prozent.


PRO     CONTRA


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